Stadtflucht: Wie ich lernte, mein Dorf zu lieben

Geschrieben am 28.04.2021
von Christina Lopinski

Ich bin in einem winzigen Dorf aufgewachsen. Mit 18 konnte ich es kaum erwarten, weit wegzuziehen. Heute verstehe ich, warum ich in die Anonymität der Stadt flüchtete – und warum ich das Gefühl habe, zurückkommen zu wollen.



© f1rstlife / Christina Lopinski

„Und, wann geht’s wieder in die weite Welt?“ Ich schaue E. an. Mein Hund liegt auf der Wiese und beißt den Frühblühern die Stängel ab. Die Luft riecht nach Frühling. E.‘s Augen strahlen. Er sagt, dass er sich freut, mich zu sehen und dass er meine Texte in der Zeitung gelesen hat. „Immer nur auf Achse“, sagt er. Ich schaue verlegen auf den Boden. E. fragt, ob ich denn schon geimpft sei. Ich schüttele den Kopf und erzähle ihm, dass ich die nächsten Monate erst einmal hierbleibe. Es fühlt sich gut an, das zu sagen, denn ich habe mich aktiv dafür entschieden. Meine Rastlosigkeit schlummert gerade sehr tief.

Mein Koffer ist ausgepackt und bereit, erst einmal einzustauben. Ich bin müde vom Reisen, müde von flüchtigen Bekanntschaften, müde von Flugzeugen und Zügen und durchgelegenen Matratzen. Ich weiß nicht genau, was ich mit ‚hier‘ meine. E. fragt aber auch nicht weiter. Er ist mittlerweile Rentner. Wir kennen uns aus dem Sportverein meines Dorfes, in dem ich immer noch Mitglied bin, obwohl ich seit mehr als acht Jahren nicht mehr hier wohne. Früher habe ich das Dorf gehasst. Ich habe in Sydney gelebt und in Berlin und die letzten zwei Jahre nirgendwo so richtig. Ich bin aktuell in Tübingen gemeldet. Ein Teil meines Herzens aber hängt an dem Ort, vor dem ich die letzten Jahre permanent geflüchtet bin. Ich finde das sehr verrückt und will den Ursprüngen deshalb auf den Grund gehen.

Warum wir flüchten, sobald wir können

Das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, hat weniger als 1500 Einwohner. Man kennt sich hier. Wir sind quasi alle Nachbarn, so fühlt sich das an. Als ich mit 16 meinen ersten Freund hatte, wussten das sofort alle, weil ein fremdes Auto regelmäßig in unserer Straße geparkt hat. Als ich mit 13 wegen Anorexie in einer Klinik war, brodelte die Gerüchteküche. Mir wurde Schwangerschaft angedichtet und sämtliche Arten von Krebs. Als mein Vater ausgezogen ist, als ich 14 war, hat das Dorf nach Gründen gesucht. Hinter vorgehaltener Hand natürlich.

Man kann sich hier kaum bewegen, ohne auf Menschen zu treffen, die man nicht kennt. Anonym ist man nur als Zugezogener und nur für eine sehr kurze Zeit. Der Bäcker hat geschlossen, als ich 15 war. Im Blumenladen werden überwiegend Trauerkränze gebunden. Der Ort ist tot, dachte ich mit 18. Die Enge hat mich damals erdrückt. Die Abhängigkeit vom Auto meiner Mutter oder ihren Fahrdiensten hat meine Freiheit gezügelt. Ich habe mich gefühlt, als wäre ich festgebunden, wie ein Tier an einem Pflock. Du darfst dich bewegen, aber bitte nur im begrenzten Radius.

Das Gras am Ende der Wiese strahlte immer so viel grüner. So schön die Kindheit auf dem Dorf ist, so frei und sicher zugleich, so schwierig ist sie als Jugendliche. Wenn der letzte Bus nach Hause um 22 Uhr fährt, die coolen Kids aber erst um 22:30 Uhr auf die Party kommen, und dazu zufällig der Typ gehört, in den man seit der neunten Klasse heimlich verliebt ist, dann ist das ein Problem. Dann ist das Dorf schuld. Schuld an allem, das in einem jugendlichen Leben gerade schiefläuft. Wenn ich mich an mein 18-jähriges Ich erinnere, dann ist das ein ganz schön großer Haufen.

Im Dorf gibt es viele solcher Schein-Probleme. Eines davon waren für mich beispielsweise die Dorffeste, von denen es so viele gibt, dass die Ausreden des Fernbleibens tatsächlich irgendwann knapp werden. Ich habe noch nie gerne Alkohol getrunken, hatte aber immer das Gefühl, zu müssen – das ganze Jahr schien aus einer großen Kerb zu bestehen. Ich habe mich immer angepasst, anstatt ich selbst zu sein. Ich habe von Alkohol gekotzt, anstatt selbstbewusst Apfelschorle zu trinken. Ich habe gelächelt und genickt, anstatt meinen Unmut kundzutun. Außenseiter passen nicht ins Dorf, heißt es. Sie geben sich selbst keine Chance, denke ich. Heute wäre ich sicherlich nicht mehr die Einzige, die Apfelschorle bestellen würde.

Und deshalb gehen wir. Kids, die sich nicht zugehörig fühlen, weil sie sich nicht getraut haben, sich zu zeigen. Die auf der Suche nach etwas Größerem sind, ohne zu wissen, nach was genau. Deren Freiheitsdrang sie rastlos macht. Die nie angekommen sind im Dorf und deshalb nicht wissen, wo sie zu Hause sind. Ich war immer sehr wütend auf mein Heimatdorf, weil ich mich im Stich gelassen gefühlt habe. Nicht alles, was man Heimat nennt, gibt einem das Gefühl, zu Hause zu sein.



Brich dir nicht die Flügel, Kind

© f1rstlife / Christina Lopinski

Ich erinnere mich, dass meine Mutter oft von Wurzeln und Flügeln gesprochen hat. Meine Flügel waren so groß, dass sie meine Wurzeln verdeckten. Ich bin nie gerne nach Hause gekommen. Ich habe in Berlin in einem Café gearbeitet und mich am Wochenende für extra Schichten eingetragen, um gute Ausreden zu haben, nicht zu Besuch kommen zu müssen. Ich habe den Kontakt zu meinen wenigen Freund:innen in meiner Heimat nur noch sporadisch gehalten.

Ich habe sämtliche Geburtstage meiner Familie verpasst, einmal sogar Weihnachten. Meine Mutter hat das akzeptiert. Heute sagt sie, dass ihr das sehr wehtat. Ich war viel auf Reisen und habe es mir auf meinem weiten Horizont bequem gemacht. Ich habe Berlin idealisiert und dabei vergessen, wo ich herkomme. Wenn ich zu Besuch war, dann war ich wieder das Mädchen, das nicht dazugehört. Die, die sich nicht traut, Apfelschorle zu bestellen. Ich habe mir eingebildet, dass die Menschen schlecht über mich reden. Als ein Nachbar mich gefragt hat, was die große Stadt so macht, habe ich das nicht als freundliches Interesse, sondern als Vorwurf meiner chronischen Abwesenheit wahrgenommen. Ich bin noch seltener gekommen nach diesem Vorfall. Und ich bin noch heimatloser geworden.

Vor zwei Jahren habe ich mein Bachelorstudium beendet. Ein sehr starkes Gefühl hat mir damals zu verstehen gegeben, dass ich erstmal aus Berlin weg sollte. Ich wusste nicht wohin. Ich bin den Jakobsweg gelaufen und habe in Portugal auf einer Farm gearbeitet. Ich bin mit dem Bus in die Türkei gefahren und war überall ein bisschen. Ich habe hunderte Menschen kennengelernt. An die meisten kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich habe meine Familie und meine Freunde zu der Zeit kaum gesehen. Ich dachte, ich habe nur Freund:innen, bei denen es egal ist, wie oft man sich hört, und es immer wie immer ist. Diese Annahme ist generell ein Trugschluss. Freundschaften wollen gepflegt werden und Familien wollen das auch. Ich habe kein Heimweh gespürt, weil ich mich selbst nicht mehr gespürt habe.

Dann kam Corona und ich musste meine Mutter vorsichtig fragen, ob ich wieder zurückziehen darf. „Du darfst immer wieder zurückkommen. Das hier ist dein Zuhause.“ Ich habe sie gehört, aber nicht verstanden. Ich hatte mir die Flügel gebrochen, in all den Jahren, in denen ich so beschäftigt war, mich selbst zu finden, dass ich alle anderen vergessen hatte. Allen voran meine Wurzeln. Ich mistete also vergangenen März mein Kinderzimmer aus und irgendwie fühlte es sich damals an, als steckte ich auch ein Stück Vergangenheit in die Tonne. Ich war das erste Mal seit Jahren wieder länger als ein paar Tage in meiner Heimat und ich hatte zum ersten Mal Zeit, anzukommen.

Ich bin nicht mehr gehetzt durchs Feld gelaufen, jeden Small-Talk versuchend, zu vermeiden. Ich habe mir Zeit genommen, mit den Menschen zu sprechen. Ich habe Tiere gesehen, von denen ich nicht wusste, dass sie auf den Feldern hier leben und ich habe gelernt, Pflanzen zu bestimmen und Füchse an ihrem Geruch zu erkennen. Ich habe im Garten gezeltet und mich an der klaren Luft erfreut. Ich habe Jonglieren gelernt und es genossen, dass man sich grüßt, wenn man sich auf der Straße trifft. Es fühlte sich an, als wäre mein Herz wieder offen für all die liebevollen Erinnerungen aus meiner Kindheit, die mein jugendlicher Trotz so beharrlich weggeschoben hatte.

Heimat bleibt

In der zweiten Corona Welle bin ich für meinen Master dann nach Tübingen gezogen. Irgendwas hat sich seitdem aber verändert. Ich komme jetzt viel öfter nach Hause – auch, wenn mich niemand erwartet. Ich sage nicht mehr ab, ich lade mich selbst ein. Ich muss nicht mehr auf die ländliche Infrastruktur schimpfen, weil ich jetzt selbst ein Auto habe und ich genieße die Ruhe, weil ich sie endlich aushalten kann. Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass man niemals irgendwo ankommen kann, wenn man seine Heimat verleumdet. Dass Leben sich dann immer ein bisschen wie Flucht anfühlt. Ich lerne immer noch, dass es wichtig ist, sich Zeit zu nehmen, um durchzuatmen und dass es keine Zeitverschwendung ist, Kränze aus Gänseblümchen zu flechten oder einfach nur im Gras zu liegen.

Mittlerweile vermeide ich es nicht mehr, mit Nachbarn, die wir irgendwie alle sind, über Belanglosigkeiten oder das Wetter zu sprechen. Manchmal erschrecke ich mich selber, dass ich das sogar schön finde. Ich finde es schön, weil Kommunikation verbindet und eine Gemeinschaft schafft, die es so in der Stadt niemals geben könnte. Man redet hier nicht nur über-, sondern vor allem miteinander, wenn man das zulässt. Und ich glaube schon, dass man vom Großteil der Menschen akzeptiert, wahrscheinlich sogar gemocht wird, wenn man sich traut, sich zu zeigen, wie man ist.

Früher wollte ich weg, sobald ich hier war. Mittlerweile fühle ich mich sehr wohl. Ich fühle meine Wurzeln, und trotzdem fühle ich mich nicht zu Hause. Ich bin froh, dass ich eine Wohnung in Tübingen habe und dass ich nach Niederseelbach nur zu Besuch komme. Das Heimat-Thema beschäftigt mich trotzdem. Ich frage mich, ob es diesen Ort für mich überhaupt gibt. Ich glaube schon. Ich habe aber beschlossen, nicht mehr krampfhaft danach zu suchen, sondern mir Zeit zu geben, zu bleiben. Ich glaube, manchmal ist das die größere Herausforderung. „Alles kommt so, wie es kommen soll“, sagt mein Selbstvertrauen, das nur darauf wartet, auf der nächsten Dorf-Kerb endlich Apfelschorle bestellen zu können.