🔊 #EingebĂŒxt: Realistische Utopien

Geschrieben am 29.04.2021
von Christina Lopinski

Wir trÀumen wenig und arbeiten viel. Dabei bewundern wir die Menschen, die andersherum leben. Sind wir tatsÀchlich aufgeteilt in Macher:innen und Denker:innen?



© Pexels / Vlada Karpovich

Hör Dir hier den Podcast an. #EingebĂŒxt, Folge 11, kannst Du hier starten:

https://open.spotify.com/episode/11VXFZp789gMc5QZN8ad6E


Die Frage lĂ€sst sich nicht mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten. Sie ist die Eintrittskarte in ein philosophisches Labyrinth, das bei Arbeit als Überlebensgarant anfĂ€ngt und bei der Freiheit nach Selbstverwirklichung endet. Wir leben in einer Zeit, ĂŒber der ein großes Privileg schwebt: Die Freiheit, sich auszusuchen, was man mit seinem Leben anstellen möchte. KĂŒnstler:innen werden genauso wenig schief angeschaut wie freischaffende Musiker:innen – und wenn man auf einer Familienfeier sagt, dass man Germanistik studiert, kommt der „in zehn Jahren fĂ€hrst du Taxi“-Spruch auch immer seltener. Wir sind sehr frei in unseren Entscheidungen.

Und trotzdem beruht unsere Berufswahl nicht immer auf unseren Interessen. Zum Teil liegt das daran, dass wir sie gar nicht kennen. Wir sind so ĂŒberschwemmt von Interessen anderer, dass wir uns keine eigenen mehr suchen mĂŒssen. Instagram und TikTok, Twitter und neuerdings auch merkwĂŒrdige Telegram-Gruppen bieten uns eine bunte Blumenwiese an Fremd-Identifikation: Parallel-RealitĂ€ten, die online stattfinden und gleichzeitig unser Offline-Leben beeinflussen. Wir folgen Influencer:innen, hassen und lieben sie gleichzeitig und fragen uns, wie sie dahin gekommen sind. Wohin ĂŒberhaupt? Das wissen wir meistens nicht so genau. Die Welt hinter Instagram-Stories und Tweets ist ein schwarzes Loch.

Das PhÀnomen Fynn Kliemann

Und trotzdem haben die sozialen Medien mehr Zu- als RĂŒcklauf. Woher kommt der Drang, das Leben anderer zu verfolgen, anstatt das Eigene zu gestalten? Wir machen uns unfrei, ohne es zu merken. Wir lassen uns fremdbestimmen von unserer eigenen Sehnsucht nach ErfĂŒllung. Warum? Um das PhĂ€nomen besser zu verstehen, haben wir uns mit einem Influencer beschĂ€ftigt, der uns fasziniert: Fynn Kliemann. Mehr als 700.000 Menschen folgen ihm auf Instagram. Mehrere Millionen schauen sich seine Heimwerker-Videos an, wenn Fynn einen Baum fĂ€llt oder eine Mauer baut. Dann wird gerne mal das eigene Leben pausiert. „Sich einmal so fĂŒhlen wie Fynn Kliemann“, höre ich in meinem Freundeskreis öfter, wenn mĂŒhsam eine Weinkiste an die Wand geschraubt oder Motoröl gewechselt wird. Fynn Kliemann ist ein PhĂ€nomen. Er ist Webdesigner, eigentlich. Nebenbei fĂŒhrt er sĂ€mtliche Unternehmen, schreibt und publiziert Songs, hat sein eigenes Musik-Label gegrĂŒndet, ist Youtuber, Autor, Designer und nicht einmal 35 Jahre alt.

Wenn man das so liest, wirkt Fynn Kliemann wie ein merkwĂŒrdiger Workaholic, nicht wie ein trĂ€umerischer VisionĂ€r. Schaut man sich seine Videos aber an, kann man sich vor der phantastischen Utopie, die er ausstrahlt, kaum retten. „Fynn macht alles, was wir uns nicht trauen“, sagt Coco. Und mit wir, meint sie unsere ganze Gesellschaft. Fynn hat nicht nur Leidenschaften, er lebt sie. Seine TrĂ€ume sind PlĂ€ne, seine Utopien zukĂŒnftige RealitĂ€ten. Er inspiriert, weil er echt ist. Weil seine kindliche NaivitĂ€t ihn nicht hemmt, sondern aus seinen Ängsten hebt. Weil er neugierig ist auf das Leben und mutig genug, nicht vorm Scheitern zurĂŒckzuschrecken. Ihm ist egal, was andere ĂŒber ihn denken. Deshalb inspiriert er uns so sehr. Wir schauen ihn uns an, weil wir uns unterbewusst wĂŒnschen, dass ein bisschen von dieser verrĂŒckten Lebensenergie beim Staunen auf uns ĂŒberschwappt.

Eine verklÀrte Verherrlichung

„Sich einmal so fĂŒhlen wie Fynn Kliemann“, denke ich. Und wĂ€hrend ich mir seine Videos in Dauerschleife anschaue, fĂ€llt mir auf, dass ich das eigentlich gar nicht will. „Der Typ muss wahnsinnig anstrengend sein“, sage ich zu Coco – im Interviewpodcast „Hotel Matze“ sagt Fynn, dass er nachts nur drei bis fĂŒnf Stunden schlafe und in den letzten acht Jahren zwei Mal im Urlaub war. Also doch ein Workaholic. Wenn ich reflektiere, warum mich der Kerl so fasziniert, dann ist es seine AuthentizitĂ€t, die mich fesselt. Um das zu tun, was man liebt, muss man nicht Fynn Kliemann sein. Man braucht nur genug Mut, sich zu trauen, zu trĂ€umen und ein bisschen mehr man selbst zu sein. Und dafĂŒr darf man sich auch ein bisschen von seinen Social Media.Vorbildern loslösen.

Christina Lopinski und Corinna Koch sind gemeinsam #eingebĂŒxt. Sie sind junge Medienmacherinnen Anfang zwanzig, die finden, dass es an der Zeit ist fĂŒr etwas frisches Blut in der Medienbranche. Deshalb fĂŒhren sie ihren Podcast in Eigenregie durch, diskutieren gesellschaftliche Probleme und persönliche Fragestellungen. Eben all die Themen, die die Generation Twentysomething beschĂ€ftigen. Gemeinsam mit f1rstlife gestalten Chrissi und Coco in eingebĂŒxt ihre Vision eines weiblichen, jungen Journalismus – zu hören bei Spotify, Apple oder Google Podcast.