Innere Leere & Trennungsschmerz

Geschrieben am 01.05.2021
von Josephina Petersen

Ein Gefühlszustand der Borderline-Persönlichkeitsstörung ist die innere Leere. Betroffene berichten über ein Gefühl des Verloren-Seins. In diesem Artikel möchte ich euch erklären, wie sich die innere Leere in mir zu Wort meldet und warum der Trennungsschmerz so unendlich scheint.

Die emotional instabile Persönlichkeitsstörung zeichnet sich aus durch immer wiederkehrende und andauernde Gefühlsschwankungen. Betroffene schwanken zwischen zwei Extremen positiver und negativer Gefühle, Liebe und Hass, Idealisierung und Entwertung. Dies macht diese Störung im Umgang mit anderen Menschen schwierig, da diese Schwankungen im Zwischenmenschlichen von anderen Personen nicht (immer) nachvollziehbar sind und Menschen mit Borderline als „unberechenbar“ eingestuft werden. Das Umfeld weiß nicht immer, auf diese Verhaltensweisen zu reagieren und zieht sich zurück. Für den Betroffenen ist klar, dass man dann in die Entwertung geht. In erster Linie entwertet er den anderen, der es nicht „versteht“, und im Zuge dessen auch sich selbst, der es „mal wieder nicht geschafft hat“, den anderen zu halten und für sich zu gewinnen.

Die Spiegelung definiert den Gefühlszustand

Solange der Borderline-Betroffene in diesen jeweils konträren Gefühlen unterwegs ist, ist eigentlich auch „alles gut“ und seine Gefühlswelt „stabil“ im Sinne, dass diese eben instabil ist. Am wichtigsten ist, dass ein Fühlen vorhanden ist. Fällt der Mensch mit Borderline-Persönlichkeitsstruktur allerdings auf sich selbst zurück und hat keine Menschen mehr um sich, welche ihn „antriggern“ können in seinen verankerten wunden Punkten oder ihm gar als Projektionsfläche zur Verfügung stehen, begegnet er seiner inneren Leere. Ein Gefühl, so schlimm, dass einige Betroffene sich einen Reiz suchen. Einen Kick, welcher sie wieder ins Hier und Jetzt und ins Fühlen befördert. Diese „Kicks“ können sich in einigen dysfunktionalen Verhaltensweisen äußern. So beispielsweise in Form von Fressanfälle, sexuelle Begegnungen, Drogenmissbrauch, körperliche Auseinandersetzungen, Streitsituationen, um ein paar Beispiele zu nennen. Suizidversuche und Selbstverletzungen sind wohl die Extremfälle. Aber es zeigt auf, wie verzweifelt man sich in diesem Gefühlszustand, der keiner ist, fühlt.

Die innere Leere verbirgt das Trauma

Die Problematik dieser Störung liegt darin vergraben, dass ich abhängig bin von anderen Menschen. Ist niemand greifbar, kann ich mich oft selbst nicht greifen. Diese nicht greifbare Leere fühlt sich an wie Verloren-Sein, eine Öde, die nicht nur an Langeweile erinnert. Da ist einfach nichts. Also kratze ich mir mit den Nägeln über die Oberschenkel und merke, dass ich noch da bin. Existent bin. Dennoch verzweifelt mich diese Lage so sehr, dass ich einen ungeheuren Druck auf meiner Brust verspüre und laufen gehe, um diesem zu entfliehen. Das funktioniert fürs Erste und ist weniger dysfunktional als die oben genannten Verhaltensweisen. Dennoch: Auch die Leere hat eine Botschaft und birgt ungeheures Potenzial, zu sich selbst vorzudringen. Denn hinter dieser Leere sind verborgene und verschüttete Gefühle. Das traumatische Erlebnis. Der Ur-Schmerz der Borderline-Störung.



Susan Cipriano auf Pixabay

Das Trauma besteht aus festsitzenden Emotionen im Körper

Wenn du beginnst, dich dieser Leere, diesem Abgrund, zu widmen, kannst du dich selbst finden. Wenn du dir zutraust, in die Stille zu gehen, dann ist es eine große Chance, das dahinter verborgene Trauma aufzulösen. Dazu muss man allerdings Mut aufwenden, dieses Nichts zu ertragen und dann fühlt man den Schmerz. Das klingt jetzt so einfach erklärt, doch das ist es in aller Regel nicht. Es ist ein langer Prozess des „In-Sich-Gehens“ und funktioniert aufgrund der Dissoziation, welche man seit diesem Trauma verinnerlicht und angewendet hat, nicht auf Anhieb. Schafft man es, diese Barriere zu durchbrechen, spürt man seine Emotionen, die immer noch im Körper feststecken. Meist steckt eine ungeheure Wut hinter diesem Nichts. Die Wut darüber, verlassen worden zu sein oder die Wut über ggf. erlebte Misshandlungen. Oder aber es äußert sich in Trauer. Trauer ist gesellschaftlich anerkannter als Wut. Immerhin ist sie auf sich bezogen und wird, wenn überhaupt, meist im Stillen ausgelebt.

Trennung & Verlassen-Werden – Der Ur-Schmerz des Traumas

Ein weiterer wichtiger Punkt in Bezug auf die innere Leere ist das Verlassen-Werden. Wenn Beziehungen enden, ist das für alle Beteiligten nicht schön. Doch für einen Borderliner ist eine Trennung mit einem Tod gleichzusetzen. Verlassen werden, fühlt sich an wie sterben. Warum? Borderliner wurden in der Regel vernachlässigt und waren in ihrem frühen Leben bereits auf sich allein gestellt. Ein Baby einfach schreien zu lassen, ihm keine Zuwendung zu geben, wenn es notwendig ist, fühlt sich für dieses Wesen wie sterben an. Es kennt nur Leben oder Vernichtung. Und wenn ich das eine nicht bekomme, dann kann ich als Baby / Kind nur das andere schlussfolgern.

Eine Trennung triggert diese Verlassenheits-Wunde an. Ist dieses Trauma nicht in einer Psychotherapie adäquat bearbeitet worden, dann wird es immer wieder mit diesem Höllenschmerz aufgerissen werden. Deshalb ermutige ich alle Menschen mit Borderline-Störung: Es bringt nichts, dazusitzen und sich seine Wunden zu lecken, wie ein geschundener Hund. Habe Mut, um deine Wunden anzuerkennen und heile sie. In Eigenverantwortung und Eigenregie unter Zuhilfenahme eines/einer vertrauensvollen Therapeut/in.