Fastbeziehung: Geniales Konzept oder zum Scheitern verurteilt?

Fastbeziehung: Geniales Konzept oder zum Scheitern verurteilt?

Geschrieben am 14.09.2018
von Nadine Kuhnigk

Die Vorteile einer festen Beziehung genießen und trotzdem weiter als Single ohne feste Verpflichtungen leben? Klingt paradox und lässt sich im Alltag dennoch immer öfters beobachten.

 



© Pixabay

Freundschaft Plus, Fast-/Halbbeziehungen, Affären, One-Night-Stands: Die Liste der Konstellationen, die zwei Menschen eingehen können, ohne sich in einer Beziehung zu befinden, scheint endlos. Immer beliebter wird offensichtlich das Modell der Fastbeziehung. Keine feste Bindung, aber doch mehr als eine Affäre. Ein Beziehungskonzept, welches nicht ohne Grund gewählt wird. Das Kennenlernen weiterer potenzieller Partner wird offen gehalten und Bindungsängste müssen nicht bekämpft werden. Genauso wenig entstehen Verpflichtungen. Immerhin befinden sich beide in keiner festen Partnerschaft. Stattdessen wird die eigene Freiheit erhalten. Was nach außen wie eine Beziehung wirkt, ist eigentlich nur ein großes Fragezeichen.

Bauchkribbeln, Schmetterlinge und Co.

Zu Beginn ist eine Fastbeziehung durchaus aufregend. Schließlich entspricht sie zu diesem Zeitpunkt noch einer Kennenlernphase. Alles ist neu und frisch. Das Kribbeln im Bauch entwickelt sich zum Dauerzustand und das Grinsen, sobald der Name des Dating-Kandidaten fällt, nimmt überdimensionale Größen an. Problematisch wird das Ganze, wenn sich daraus ein langatmiges Auf -der-Stelle-Treten entwickelt. Eine Dauerschleife, die immer und immer wieder ohne Veränderungen abgespielt wird. Regelmäßige Treffen und gemeinsames Einkaufen gerne, Kennenlernen der Eltern und Weihnachtsgeschenke bloß nicht. Sofern beide mit dieser Konstellation kein Problem haben, kann ihnen nur viel Spaß gewünscht werden. Nicht selten aber verliebt sich einer der beiden „Partner“, oder vielleicht sogar beide und andere Bedürfnisse sind einfach stärker. Die Freude auf eine potenzielle Beziehung entwickelt sich zum schmerzvollen Warten, dass sich endlich etwas ändert und sich der Andere zu einem bekennt.

Der Funken Hoffnung

Das dieser Zustand nicht lange gutgehen kann, liegt auf der Hand. Der Eine erhält zu wenig und der Andere vielleicht sogar zu viel. Die berühmte Waagschale ist völlig unausgeglichen. Klingt nach einer großen Portion Drama. Warum lassen sich dennoch so viele auf dieses offensichtlich problembehaftete Modell ein? Die Antwort scheint ganz einfach: Hoffnung. Hoffnung, dass eines Tages aus einem „Fast“ ein „Vielleicht“ und aus einem „Vielleicht“ ein „Ja“ wird. Natürlich wünscht sich jeder, dass Person X doch irgendwann merkt, dass die Gefühle doch sehr stark sind und eine feste Beziehung die einzig wahre Option ist. Zudem ist der Gedankengang schön, dass der Andere nur noch etwas Zeit braucht und aus dieser Phase mehr wird. Oft sind all diese Erklärungen leider nur faule Ausreden, um sich alle Optionen offen zu halten. In manchen Fällen spielt mit Sicherheit auch der Faktor eine tragende Rolle, sich nicht fest binden zu wollen oder zu können.

Feste Beziehung gleich allergischer Schock!?

Das Wort „Bindung“ führt immerhin mittlerweile bei vielen gefühlt zu Schweißausbrüchen und eine „feste Beziehung“ scheint im heutigen Zeitalter einen faden Beigeschmack zu haben. Als gäbe es keinen Ausweg und sei das Ende vom Leben, welches einem sämtliche Freiheiten nimmt und einen in eine Truhe schließt, die niemals geöffnet werden kann. So vorsichtig wie Beziehungen heute eingegangen werden, entsteht fast der Eindruck, dass die feste Beziehung verstärkt mit negativen Komponenten verbunden wird. Anstatt diese einzugehen, wohnen zwei Personen lieber halb zusammen, kennen den Freundeskreis des jeweils anderen, bereisen zusammen die halbe Welt und weisen trotzdem das Wort „Beziehung“ weit von sich, als könnten sie davon einen allergischen Schock davon bekommen.

Herzlich Willkommen Liebeskummer

Es muss nicht diskutiert werden, dass eine Beziehung nicht überstürzt eingegangen werden soll. Keiner spricht davon, nach dem dritten Date gleich den Hochzeitstermin und die Namen der Kinder festzulegen. Bis wir den anderen als „Freund“ oder „Freundin“ betiteln, vergehen meist sowieso einige Monate. Möchte jemand aber dann immer noch keine feste Beziehung eingehen, wird es höchstwahrscheinlich auch einige Monate später nicht anders aussehen. Personen, die sich emotional gut von der Situation abgrenzen können und nicht darunter leiden, stattdessen vielleicht nur die Vorteile sehen, sind nicht gefährdet. Wer jedoch nur an einer Bindung samt Gesamtpaket interessiert ist, verschwendet an dieser Stelle seine Zeit und sollte schnell das Weite suchen.

Der Weg dahin einzusehen, für jemanden nur eine Option zu sein, ist lang, steinig und schmerzt. Wird eine gewisse emotionale Abhängigkeit bemerkt, sollte es sich jeder selber wert sein, aus dieser Art von Beziehung zu flüchten, bevor es noch schwerer wird. Gefühle offen anzusprechen schadet definitiv nicht. Blicke nach links und rechts allerdings zeigen eindeutig, dass die wenigsten Fastbeziehungen in einem Happy-End resultieren. Von daher ist es wichtig, das Ganze zu beenden, auch wenn es schmerzt und das wird es. Liebeskummer fragt nicht nach einem Stempel. Herzschmerz trägt kein Etikett, welches belegt, ob jemand nun zusammen war oder eben nicht. Er ist einfach da und im schlimmsten Fall geht er auch nicht so schnell weg. Nur weil sich zwei Menschen nicht offiziell als Paar betitelt haben, schmerzt die Trennung nicht weniger. Im Gegenteil. Vielleicht fällt einem die Situation sogar noch schwerer, weil das kleine Sätzchen „Was wäre wenn“ sich regelmäßig in die Gedanken schleicht und nicht einfach wegschieben lässt.

Nur weil es auf dem Papier keine Trennung ist, heißt es nicht, dass es sich nicht wie eine anfühlt. Es wird verlangt, sich zusammenzureißen und sich nicht so anzustellen, immerhin „wart ihr ja nicht zusammen“. Nichtsdestotrotz ist es völlig in Ordnung um eine Fast-Beziehung zu trauern. Allerdings sollte für die Zukunft daraus gelernt werden.

Anzeichen gibt es genug

Hinweise, dass sich zwei Personen in einer Fastbeziehung befinden, gibt es immerhin einige. Unregelmäßiger Kontakt ist nur einer von vielen. Wenn das ständige Warten auf eine Nachricht oder ein nächstes Treffen fester Bestandteil des Alltags geworden sind, sollten die Alarmglocken zumindest schon einmal angehen. Gepaart mit der ständigen Frage, was ihr denn nun eigentlich seid, geht das Ganze in eine gefährliche Richtung. Unsicherheit und ständige Sorge, etwas falsch zu machen, um den anderen nicht zu verlieren, können auf die Dauer nicht gut gehen und sollten die Alarmglocken zum Schrillen bringen. Spätestens wenn das Ganze über einen längeren Zeitraum geht, muss das ganze Orchester einsetzen. Verwirrende und komplizierte Beziehungen enden immerhin selten in einer romantischen Hochzeit mit weißen Pferden. Durchgehend um etwas oder jemanden zu kämpfen ist auf Dauer nur verletzend und kräftezehrend. Und ganz ehrlich: Wer möchte schon mit jemanden zusammen sein, der dazu überredet werden musste?

Adieu Naivität und Hallo Zukunft

Ein „Ich weiß nicht“, „Mal schauen“ oder „Vielleicht“ ist zu 99 Prozent leider nur ein nettes Synonym für „Nein“. Wem das nicht reicht, sollte sich gar nicht weiter darauf einlassen und an kleine Fünkchen der Hoffnung klammern. Natürlich kann sich das Ganze in seltenen Fällen positiv entwickeln. Das Risiko, dass dieser Fall niemals eintritt, ist nur leider ziemlich hoch. Also: Weitergehen anstatt Warten! Nur so kann der Weg frei für jemanden werden, der es auch ernst ist. Darauf zu vertrauen, dass das Leben mehr zu bieten hat und auch dieser Liebeskummer überwunden wird, ist in diesem Fall wahrscheinlich die beste Lösung.

Immerhin ist es völlig legitim, sich jemanden zu wünschen, der komplett da ist und eben nicht nur fast. Bei dem man sich nicht fragt, welche Personen noch im Spiel sind und ob ein Fernsehabend mit Freunden wirklich ein Fernsehabend mit Freunden ist oder eher Sorgen bereiten sollte. Genauso in Ordnung ist es, sich jemanden zu wünschen, der fest zu einem steht und einen als Partner vorstellt. Der einen an den Feiertagen mit zu der Familie nimmt und nicht mit einer Whats-App-Nachricht abspeist, die gefährlich nach einer Gruppensammelnachricht klingt, die noch viele andere bekommen haben. Sich jemanden zu wünschen, der sich auch das tägliche Gejammer anhört, anstatt nur an Oberflächlichkeiten interessiert zu sein scheint, ist dein gutes Recht. Von daher macht es leider keinen Sinn an einer Person festzuhalten, die etwas anderes möchte.

Jemandem alle Vorteile einer Beziehung ohne sämtliche Verpflichtungen zu bieten, ist tatsächlich als würde man einen fünf Sterne All-Inclusive-Urlaub erhalten, obwohl nur das Geld für eine Pauschalreise ohne Getränke bezahlt wird. Und warum sollte jemand den All-Inclusive-Urlaub buchen, wenn er das Gleiche auch viel günstiger haben kann?