Moderne Liebe – Warum sie so schwer ist

Moderne Liebe – Warum sie so schwer ist

Geschrieben am 01.03.2020
von Valeria Skok

Mit der Zeit haben sich unsere Definitionen von allem Möglichen verändert: Wir shoppen, ohne rausgehen zu müssen, wir schauen in der Freizeit lieber Netflix zu Hause, anstatt auszugehen und arbeiten sogar oft im HomeOffice. Wie haben sich unsere Liebesfähigkeit und unsere Beziehungen dadurch verändert?



© f1rstlife / Valeria Skok

Gibt es überhaupt den einen Richtigen/die eine Richtige? Vermutlich nicht (oder zumindest nicht nur einen/einen). Und doch verbringen wir oft Stunden damit, darüber nachzudenken und womöglich auch damit, nach ihm/ihr zu suchen. Mit Dating Apps ist die Sache sogar noch simpler geworden. Wir müssen nicht mehr ausgehen und uns überwinden, um die Frau/den Mann an der Bar persönlich anzusprechen. Wir swipen sie/ihn einfach nach rechts und warten ab, was passiert. Vielleicht Copy-Pasten wir sogar eine Nachricht, die bereits 10 andere bekommen haben, wenn sie/er uns besonders gut gefällt. Es ist alles so einfach geworden und das hinterlässt einen stärkeren Einfluss auf unsere Psyche, als wir zunehmend glauben.

Alles scheint so zufällig …

Obwohl ich nicht an Zufälle glaube, fühle ich mich oft wie ein Herbstblatt im Wind. Manchmal baute sich eine Verbindung zu einem anderen Menschen auf und doch war es wieder vorbei, weil ich vergessen hatte, mich zu melden. Jahre später begegnet man sich vielleicht sogar wieder und merkt, wie gut man sich verstanden hat und es ist ein bisschen wie eine alte Freundschaft. Danach verliert man sich trotzdem wieder aus den Augen, weil man so beschäftigt ist. Die beste Ausrede ist immer die Zeit und doch finden wir immer Zeit für Instagram oder für andere Aktivitäten auf dem Smartphone. Wer sich seine Statistiken mal angeschaut hat, merkt auch, wie viel Zeit uns damit abhanden kommt. Es ist alles eine Frage der Prioritäten.

Die Achterbahnfahrt, die nur noch ein Schaukelpferd ist

Vielleicht liegt es an dem Aufwand und an dem Risiko, dass wir früher bereit waren einzugehen, um jemanden kennenzulernen. Man schaute sich in einer Bar suchend um und da stand sie/er: der ideale Partner. Man hat die Aufregung beim ersten Blick in die Augen gespürt, das Lächeln gesehen und der Puls betrug gefühlt 190, wenn man die Nummern mit leuchtenden Augen ausgetauscht hat. Ein Erfolgserlebnis, an das man sich Jahre später (und schon miteinander verheiratet) erinnern und darüber lachen konnte.

Es war alles so echt, eine Achterbahnfahrt im Vergleich zu dem, wie es heute dank des Internets und des Smartphones abläuft. Heute ist alles viel gediegener, man trifft sich auf einen Kaffee, man findet sich nett, aber der Funke ist nicht mehr da. Wir fühlen uns nach dem 10. Date vielleicht ausgebrannt vom ganzen Erzählen und weil wir spüren, dass es keinen Sinn hat. Oftmals sieht der ersehnte Partner in natura auch ganz anders aus, als auf den Bildern. Man fühlt sich aus seiner schönen Illusion plötzlich ins kalte Wasser geworfen und erkennt, dass die Person nicht perfekt ist. Irgendwie passt auch die Stimme nicht und sind das etwa falsche Wimpern?

Die Illusion von Perfektion

Ja, er hat vielleicht auch gar nicht so einen großen Bizeps und sie hat nicht die makellose Haut, wie auf den Bildern. So ist es eben, keiner von uns ist so perfekt, wie er gerne wäre. Früher hat man die Makel des anderen in Kauf genommen und sie vielleicht gar nicht als Makel empfunden. Die Menschen schienen nicht so unnahbar und perfekt, wie Promis die wir auf den großen Leinwänden sehen. Sie waren menschlich und natürlicher.

Die Bereitschaft für Entscheidungen

Früher hat man sich noch wirklich füreinander entschieden und diese Entscheidung war echt. Wenn man sich das Ghosting-Verhalten anschaut, wirft es ein sehr verändertes Verhalten auf. Es sind so viele Gefühle, die wir heute nicht mehr fühlen. Wir haben den Bezug dazu verloren, weil es uns unser fortgeschrittenes Gehirn und die entwickelte Technik das Leben so einfach wie möglich machen. Solange diese Vereinfachung sich auf unsere Alltäglichkeiten bezogen hat, war alles noch in Ordnung. Wir müssen kein Wasser mehr aus dem Brunnen holen und auch die Wäsche nicht mehr eigenhändig waschen. Aber leider hat sich die Technik auch sehr in unsere Gefühle und unsere Beziehungen geschlichen.

Die Falle der zufriedenen Einsamkeit

Wir sind nicht mehr bereit, uns emotional auf Menschen einzulassen und Gefühle zu investieren, weil wir keine Enttäuschungen in Kauf nehmen möchten. Unser Leben mit maximaler Befriedigung von Bedürfnissen hat uns verhätschelt und wir sind viel weniger dazu bereit unsere Komfortzone zu verlassen. Warum soll ich aufstehen, wenn ich alles aus meinem Bett heraus machen kann? Es ist so einfach und verlockend geworden, alleine zu leben, dass wir zu bequem geworden sind. Wir müssen keine Verantwortung übernehmen, keine Kompromisse eingehen und uns um niemanden direkt sorgen. Warum sollten wir auch etwas an der Situation ändern, wenn wir auch so glücklich sind?

Wie wir wieder „wir“ werden

All das malt ein ziemlich hoffnungsloses Bild von unserem heutigen Leben und auch von der modernen Liebe. Aber das ist es nicht. Wir haben so viele Möglichkeiten und Wege, die wir gehen können, um ans Ziel zu kommen. Wir und nur fragen, was unser Ziel ist, den Weg auswählen und nutzen und wir dürfen nicht aufgeben.

Selbst die fortschrittlichste Technik hält uns nicht davon ab, geistig der vielfältige Mensch zu sein und zu bleiben, der wir schon immer waren. Wir dürfen uns nur nicht zurücklehnen, sondern unsere Komfortzone verlassen. Wir müssen nicht zwangsläufig Nachrichten kopieren und an mehrere Menschen verschicken, wir können sie auch persönlich gestalten. Wir können sie anrufen, uns für sie interessieren. Wir müssen nicht immer einen Netflix-Abend einem Abend mit Freunden vorziehen, auch wenn es um Welten einfacher ist, auf der Couch liegen zu bleiben. Wir können den Menschen gegenüber anschauen, statt unser Smartphone und ihnen die Aufmerksamkeit geben, die wir uns auch so sehnlich wünschen. Wir können heute viel leichter reisen und uns neuen Erfahrungen öffnen. Wir können über den Rand unseres LCD Displays schauen, auf die Vielfältigkeit dieser Welt und auf unsere Möglichkeiten.

Wir haben die freie Entscheidung über unsere Freizeit, über unser Umfeld und wir haben auch die Kontrolle darüber, unsere Beziehungen zu beeinflussen. Und mit jedem einzelnen von uns fängt es an.