Freiwilliges Flugverbot: Hoffnungsschimmer für unseren Horizont?

Freiwilliges Flugverbot: Hoffnungsschimmer für unseren Horizont?

Geschrieben am 16.07.2019
von Jessica Trescher

„Ich habe mir ein persönliches ein Flugverbot auferlegt“, sagte vor kurzem eine junge Frau im ICE zu mir. Ganz zufällig kamen wir ins Gespräch über das Reisen mit all seinen Vorzügen aber auch seinen Gefahren, die es besonders für unsere Umwelt birgt. Diese Unterhaltung brachte mich ins Grübeln: Wir sind fasziniert von der Schönheit unserer Erde, von der Fremde, wollen sie entdecken und erforschen, doch vergessen dabei viel zu oft, dass diese Schönheit fragil ist und wir sie aktiv schützen müssen.



© Pixabay

Das Fernweh bekämpfen

Die beste Medizin gegen unser Fernweh, das uns so häufig plagt: schnell online einen günstigen Flug ins nächste Urlaubsziel buchen. Doch der Wirkstoff hat sich verändert. Seine Wirkung wird sich bald gegen uns richten, denn er beginnt bereits die Ressourcen unseres Planeten anzugreifen. Unsere eigene Medizin wird uns zum Verhängnis. Die Naturwunder und Besonderheiten, für die wir uns mit Begeisterung auf den Weg in die Fremde machen, leben von einem gesunden Ökosystem, das wir mit unserem Verhalten wissentlich gefährden.

Die Aussage meiner Sitznachbarin inspirierte mich, denn so einen Satz hört man in Zeiten von Eurowings und Ryanair nicht mehr häufig. Stundenlang vergleichen wir im Internet Preise, wollen am günstigsten und schnellsten von A nach B kommen. Die Wertigkeit unserer Welt aber verlieren wir dabei komplett aus den Augen. Hauptsache das Ticket belastet unser Portemonnaie nicht zu stark.

Eine Bekannte erzählte mir letztens, sie würde in ein paar Wochen mit ihren Freundinnen für vier Tage nach Valencia fliegen. Kurzentschlossen, denn die Tickets haben gerade mal 20 Euro pro Strecke gekostet. Eine Arbeitskollegin pendelt jede Woche zwischen Köln und Berlin. Vier Tage hier, drei Tage dort. Gar kein Problem: Ihr Freund ist Pilot, das Fluggerät und die Sondertarife stehen jederzeit zur Verfügung. Ich gebe zu, auch ich bin davor nicht gefeit und schon manches Mal in die Versuchung geraten, wenn Billigflieger mir Tickets zum nächsten Urlaubsziel für 80 Euro anbieten, die Bahn aber rund das doppelte kosten würde.

Die Nachfrage bedingt das Angebot

Reisen war noch nie so populär wie in der heutigen Zeit. Es ist mittlerweile eine Art Lifestyle geworden. Wenn man reist „gehört man dazu“. Fast jeder träumt davon, fast jeder liebt es, jedem soll es ermöglicht werden. Man konnte der Reisebranche in den letzten Jahren regelrecht beim Wachsen zuschauen und somit war es nur eine Frage der Zeit, da erschienen schon die ersten Billigflugairlines auf der Bildfläche. Mit ihrem Angebot trafen sie genau ins Schwarze und sind heute kaum noch wegzudenken.

Fakt ist, die Billigflug-Branche boomt so stark wie noch nie. Zweimal jährlich analysiert das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) den aktuellen Markt der Low-cost-Flugangebote im deutschen Luftverkehr und veröffentlicht die Ergebnisse im Low-cost-carrier-Monitor. Anfang des Jahres erschien der letzte Bericht und das Ergebnis dürfte unserer Umwelt schwer zu schaffen machen:

Seit 2012 erlebt die Branche ein permanentes Wachstum, dessen Ende vorläufig nicht in Sicht ist. Zusammengefasst zeigt der Bericht, dass es auf dem deutschen Low-cost-Flugmarkt aktuell zum einen mehr Streckenangebote und mehr Abflüge gibt als je zuvor und das zu den bisher durchschnittlich günstigsten Preisen. Zum anderen behauptet traurigerweise der innerdeutsche Billigflugverkehr derzeit den größten Marktanteil für sich. Das heißt, am beliebtesten sind die Verbindungen, die ebenso gut und bequem per Zug oder einer Mitfahrgelegenheit zu erreichen wären. Aber auch das Langstreckennetz wird wächst stark.

Auch wenn die Konsequenzen, die sich aus unserem Verhalten abzeichnen lassen, aktuell noch nicht in einem Ausmaß spürbar sind, das uns dazu anhalten würde, unsere Gewohnheiten zu ändern – bald werden sie es sein. Es ist allgemein bekannt, dass das Flugzeug Klimakiller Nummer eins unter den Transportmitteln ist. Die Tragweite so einer allgemeinen Aussage wird aber erst durch konkrete Beispiele in ihrer ganzen Dringlichkeit ersichtlich. Zum Beispiel wenn man hört, dass jeder Passagier auf einem Flug nach Mallorca genauso viel CO2 produziert, als wenn er ein ganzes Jahr lang Auto fahren würde.

Doch der CO2-Ausstoß ist bei weitem nicht alles. Weitere Stoffe wie Stickoxide, Aerosole oder Wasserdampf, die bei der Verbrennung von Kerosin entstehen, werden in Reiseflughöhe langsamer abgebaut als am Boden und verstärken den Treibhauseffekt zusätzlich noch um das Zwei- bis Fünffache. Kürzlich ließ die Europäische Kommission untersuchen, wie hoch der Anteil des Luftverkehrs an der vom Menschen verursachten globalen Erderwärmung ist. Ein zukünftiger Betrag von 12 Prozent wird für durchaus realistisch gehalten. Im Vergleich dazu: 1992 kam man noch auf einen Anteil von 3,5 Prozent.

Optionslose Alternativen?

Trotzdem jetten wir weiterhin fröhlich in die Ferne – oder eben auch nur durch Deutschland, um unsere Reiselust zu befriedigen oder zum nächsten Meeting zu gelangen. Die Alternativen zum Fliegen haben zugegeben durchaus ihre Mankos, aber sind diese wirklich so überzeugend?

Die Bahn ist zugegeben teurer und kommt nicht selten zu spät. Zudem dauert die Fahrt länger. Aber auch die Flugverspätungen häufen sich und final ist der Zeitgewinn gar nicht so ausschlaggebend, wenn man Check-In-Zeit, die Sicherheitskontrolle, das Boarding und die Gepäckausgabe einberechnet. Ein Beispiel für die Strecke Köln–Berlin: 4,15 Stunden mit der Bahn gegen 3,15 Stunden mit dem Flugzeug unter Berücksichtigung der tatsächlichen Reisezeit.

Der Fernbus: Ja, er braucht deutlich länger und hat oft mit Stau zu kämpfen. Er ist aber sogar noch günstiger, bietet ebenfalls Entertainment und unkomfortabler als im Flugzeug sitzt man hier auch nicht.

Carsharing/Mitfahrgelegenheit: Diese Lösung fällt zwar bei Urlaubsreisen meist raus, ist innerhalb Deutschlands bzw. zu den angrenzenden Ländern aber eine wunderbare und günstigere Alternative.

Sind wir mal ehrlich, kann man die oben aufgeführten Kontra-Argumente nach reiflicher Überlegung wirklich noch mit Überzeugung vorbringen? Wollen wir danach weiterhin behaupten, die paar Euro, die wir beim Billigfliegen sparen, seien wichtiger als den Erhalt unserer Umwelt und somit auch den Erhalt unseres Lebensstandards zu unterstützen? Oder dass unsere Zeit so kostbar ist, dass wir nicht ein bisschen von ihr opfern könnten, um unserem Planeten mehr Lebenszeit zu schenken? Ich denke, der gesunde Menschenverstand weiß auf diese Fragen ganz einfache Antworten.

Reisen bedeutet: Gewohnheiten durchbrechen und die Perspektive wechseln

Reisen ist großartig und soll nicht an den Pranger gestellt werden. Es bedeutet Erholung, bringt neue Eindrücke und Erfahrungen, lässt uns persönlich wachsen und fördert das Verständnis zwischen den vielen Kulturen unserer Welt. Es geht eher um das „Wie“. Wir sollten uns nicht nur während der Reise für einen Perspektivwechsel öffnen, sondern bereits vorher. Beginnend bei der Reiseplanung. Einmal die Perspektive der Umwelt einnehmen, kann die Motivation zur Gewohnheitsänderung gehörig befeuern.

Vielleicht erscheint die Stunde mehr, die man im Zug verbringt, dann gar nicht mehr so schlimm. Vielleicht ist der Geschäftspartner davon zu überzeugen eine Videokonferenz anstelle eines persönlichen Meetings zu arrangieren. Vielleicht entdecken wir bei der Urlaubsplanung Orte in Deutschland oder einem Nachbarland, deren Schönheit die der überlaufenen Touristenhotspots zum Beispiel in Spanien noch übertrifft und ohne das Flugzeug zu erreichen sind.

Gewohnheiten sind nur schwer zu ändern. Es ist anstrengend, aufwändig und erfordert ein hohes Maß an Disziplin. Doch sollte es uns im Angesicht dessen, was auf dem Spiel steht, wert sein, diese Anstrengung auf uns zu nehmen. Die Aussage meiner Sitznachbarin lässt in mir Hoffnung aufkommen, dass wir bei stärkerer Aufklärungsarbeit ein Umdenken in Gang setzen können. Nur gemeinsam können wir dafür Sorge tragen, die Besonderheiten unseres Planeten zu erhalten und ihm das zurückgeben, was er uns gibt: eine Lebensgrundlage.