Unser Streben nach Glück: Segen oder Fluch?

Unser Streben nach Glück: Segen oder Fluch?

Geschrieben am 27.07.2019
von Jessica Trescher

Glücklichsein ist wohl unser aller Lebensziel. Doch was genau ist Glück überhaupt? Wie erreichen wir es? Und können wir es festhalten?



© Pixabay

Es war im Sommer vor ein paar Jahren. Wir waren gerade auf einer Wohnmobiltour durch Norwegen und fuhren durch atemberaubende Fjordlandschaften. Mitten im Nirgendwo hielten wir für eine kurze Pause. Es war keine Menschenseele rings umher, allumfassende Stille und der riesige Fjord lag uns direkt vor Augen. Am Ufer setzte ich mich ins Gras und lies meinen Blick über diese wunderschöne Landschaft schweifen: die gewaltigen, grünen Berge und das glitzernde, klare Wasser. Über die schier endlose Weite. In dem Moment war ich glücklich.

Haben wir es einmal erlebt, dieses wunderbare, unseren ganzen Körper durchströmende Glücksgefühl, wollen wir es nicht mehr loslassen, es immer wieder erleben, es bloß nicht verlieren.  Doch gibt es eine Strategie oder irgendetwas, das uns Glück versichert? Können wir ein Leben lang glücklich sein? Und tut uns diese ständige Suche überhaupt gut?

Mich hat dieses Gefühl damals nach einiger Zeit wieder verlassen. Das soll nicht heißen, dass ich seitdem nicht mehr glücklich war. Es gab viele weitere Momente in meinem Leben, in denen ich es wieder gespürt habe, nur halt nicht dauerhaft. Es kommt und geht wie eine Welle im Ozean. Ich war glücklich über gute Noten, darüber ein Zimmer in einer netten WG bekommen zu haben, wenn ich auf Reisen ging, wenn ich mit meinen Freunden oder meiner Familie Zeit verbracht habe oder wenn ich durch unsere schöne Natur spaziert bin. In ganz unterschiedlichen Situationen habe ich Glück empfunden.

Dieses Gefühl hat also nicht einen bestimmten Auslöser, den wir betätigen und „schwupps“ glücklich werden. Genau das macht es auch so schwierig zu definieren, was es überhaupt ist.  Die Frage des Glücks ist mindestens schon so alt wie wir Menschen. Bereits die ersten Philosophen beschäftigten sich mit diesem Mysterium und kamen zu ganz unterschiedlichen Antworten.

Der stoische Weg zum Glück

„Den größten Reichtum hat, wer arm an Begierden ist.“ Diese Auffassung von Seneca, ein bekannter Anhänger der antiken Philosophie der Stoa, klingt erst einmal paradox doch bei näherer Betrachtung ist ihr durchaus etwas abzugewinnen. Sie soll uns verdeutlichen, dass unser fortwährendes Streben nach Glück gleichzeitig unser Weg ins Unglück ist. Ständig suchen wir danach noch glücklicher zu werden. Das Gefühl ist wie eine Droge und wir fürchten das Ende ihrer Wirkung.

Aber genau diese Furcht davor, das Glück verlieren zu können, führt dazu, dass wir es überhaupt nicht mehr spüren. Somit sind laut Seneca nur diejenigen glücklich, die sich von dieser Glückssuche frei machen. Sie erlangen die Seelenruhe, ein Zustand, in dem man in völligem Einklang mit der Natur lebt, von äußeren Umständen frei und bedürfnislos ist sowie seine Handlungen nach dem Guten und Tugendhaften ausrichtet. „Von ihr [der Natur] nicht abzuweichen, nach ihrem Gesetz und Vorbild sich formen zu lassen, darin besteht die Weisheit. Demgemäß ist ein Leben glücklich zu nennen, wenn es sich im Einklang mit der eigenen Natur befindet.“, so Seneca.

Allerdings schließt diese Sichtweise ebenfalls ein, dass wir uns von unseren Bedürfnissen nach zwischenmenschlichen Beziehungen, Liebe und einem gesunden Leben frei machen müssten, obschon diese uns doch um ein Unendliches reicher machen.

Die Eudaimonia – Glück als das letzte Ziel

„Die Glückseligkeit besteht in einem glücklichen Leben. Das glückliche Leben in einem tugendhaften Leben“, sagt Aristoteles. Im Fokus seiner Lehre steht die Eudaimonia, das höchste Gut, wonach der Mensch strebt. Der Zustand der Glückseligkeit, der keinen Mangel offenlässt. Eudaimonia ist keine Fähigkeit, die der eine besitzt, der andere nicht. Sie ist auch kein Seelenzustand. Sie muss aktiv durch ein bestimmtes Handeln erzielt werden. Dieses Handeln definiert sich durch den Gebrauch und die Weiterentwicklung unseres Verstands sowie aus einem tugendhaften und pflichtbewussten Leben. Aristoteles stellt auch das Leben in der Gemeinschaft in den Mittelpunkt, das an die Einhaltung von Regeln und Gesetzen geknüpft ist. Ein grundlegender Unterschied zu Senecas Sichtweise, die sich ganz auf das Individuum konzentriert.

Epikur – Glückseligkeit durch Lustbefriedigung

Glück durch Lustbefriedigung: Dieser Meinung war Epikur als Anhänger des Hedonismus. Allerdings versteht Epikur unter Lust nicht das, was wir im klassischen Sinne unter diesem Wort verstehen, sondern einen Zustand, der frei ist von Schmerz und von geistiger Verwirrung. Es gilt, tugendhaft zu Leben und seinen Verstand einzusetzen und zu schärfen. So soll man sich darüber bewusstwerden, was es benötigt, sich von seinem Schmerz frei zu machen und Lust zu erreichen. Ein wichtiger und zentraler Bestandteil für ein glückliches und lustvolles Leben ist laut Epikur die Freundschaft.

Wir stellen also fest, dass es in der Philosophie eine allgemeingültige Antwort auf die Frage nach dem Glück nicht gibt. Die Auffassungen von dem, was Glück ist und wie wir es erreichen können, unterscheiden sich von Philosoph zu Philosoph.

Das Glück und die Wissenschaft

Neben der Philosophie hat auch die Psychologie ihre ganz eigene Sichtweise auf das Glücksgefühl: Hier wird es unter anderem als „eine extrem starke positive Emotion und ein vollkommener, dauerhafter Zustand intensivster Zufriedenheit“ definiert. Hormone und chemische Prozesse spielen hier die zentrale Rolle. Laut Forschung ist das Lustzentrum in unserem Gehirn maßgeblich dafür verantwortlich, dass wir Glück empfinden.

Unser Lustzentrum besteht aus zahlreichen miteinander vernetzen Neuronen. Diese Neuronen bilden den Glücksstoff Dopamin, sobald sie merken, dass um uns herum etwas passiert, das besser ist, als wir es vorerst erwartet hätten. Das Dopamin wird weitergeleitet in unser unteres Vorder- und Frontalhirn, wo die nächsten chemischen Prozesse in Gang gesetzt werden: Im Vorderhirn werden aufgrund des Dopamins weitere opiumähnliche Stoffe produziert, die uns Euphorie und Glück spüren lassen – z.B. Serotonin (Stimmungsaufheller), Noradrenalin (steigert unsere Motivation), Oxytocin (stärkt Vertrauen und soziale Bindung) und Endorphine (körpereigene Opiate). In unserem Frontalhirn sorgt der Glückstoff zeitgleich dafür, dass unsere Gehirnleistung angeregt wird. Wir werden aufmerksamer und erkennen, dass die Situation, in der wir uns befinden, oder die Aktion, die wir gerade ausführen, dazu führt, dass wir uns glücklich fühlen. Glück ist also auch ein Lernvorgang, bei dem wir erkennen, was gut für uns ist.

Wir sind unseres eigenen Glückes Schmied

In Sprichwörtern steckt oft eine verborgene Wahrheit, so auch hier: Es besagt, dass wir unser Glückserleben in großem Maße selbst in der Hand haben. Mit unseren eigenen Lernerfahrungen in Sachen Glück können wir daran arbeiten, dieses Gefühl zu stärken. Hierin liegt eine überaus wertvolle menschliche Fähigkeit, denn Glück ist elementar für zahlreiche positive Nebeneffekte: Es fördert beruflichen Erfolg, Moralität, Optimismus und Empathie. Es hilft uns, uns selbst als Person besser kennenzulernen, zu erkennen was wir uns wünschen und wonach wir uns sehnen – um nur ein paar von unzähligen weiteren Aspekten zu nennen.

Ist Glück also nur eine Frage der Lernbereitschaft? Sollte des Lebensrätsels Lösung tatsächlich so simpel sein, dass wir uns nur stärker darauf konzentrieren müssen zu erkennen, was uns glücklich macht? Nein, nicht ganz. So einfach ist die Antwort auf die jahrhundertealte Frage leider nicht. Wir müssen noch einige andere Faktoren in die Betrachtung mit einbeziehen.

Zum einen unsere Gene: Forscher fanden heraus, dass die Fähigkeit zum Glücklichsein zu knapp 50 Prozent vererbt wird. Eine gewisse Genvariante in unserer DNA sorgt dafür, wie gut bzw. schlecht wir Serotonin – den Stimmungsaufheller – aufnehmen. Somit fällt es manchen Menschen leichter, von vorneherein eine positive Sicht auf die Dinge zu werfen, wohingegen andere diese erst durch intensives Training erlangen können. Die Stärkung des linken Frontalcortex unseres Gehirns spielt ebenfalls eine zentrale Rolle. Menschen, bei denen diese Gehirnhälfte besonders ausgeprägt ist, sind nachweislich zufriedener.

Und auch unser Umfeld sowie unsere aktuelle Lebenssituation haben einen großen Anteil am individuellen Glücksempfinden. Nur wenn unsere Grundbedürfnisse gesichert sind und wir intakte soziale Beziehungen haben, ist es uns möglich Glück zu empfinden und es zu steigern.

Fassen wir zusammen

Unser Glücksempfinden können wir erlernen und aktiv beeinflussen. Manche Menschen haben allein schon durch ihre Genkombination eine optimistischere Sicht auf ihr Leben und ihre Situation. Sie sind von Natur aus glücklicher. Doch auch die meisten derjenigen, denen dieses Gen-Geschenk nicht zuteil wurde, können grundsätzlich durch die Übung und Stärkung positiver Gedankenströme ihre Zufriedenheit steigern. Außerdem können wir daran arbeiten, unsere Lebenssituation so zu konstruieren, dass unserem Glück weniger im Weg steht, indem wir unsere existentiellen Grundbedürfnisse sichern und vor allen Dingen starke soziale Beziehungen aufbauen.

Nichts wie ran an die Arbeit?!

Halt, trotz allem ist, wie bei allen Dingen im Leben, auch bei unserem Glücksstreben ein gewisses Maß an Vorsicht geboten: „Wer dem Glück hinter rennt, läuft daran vorbei.“ Dieses treffende Sprichwort beschreibt ganz gut, was passiert, wenn wir es über alles andere stellen. Dann laufen wir Gefahr das Glück, das wir eigentlich schon besitzen, nicht als solches anzuerkennen. Die kleinen Freuden des Lebens werden unsichtbar, wir fokussieren uns allzu stark auf das, was wir eventuell noch erreichen könnten, wollen immer mehr und finden uns gefangen im Hamsterrad des Glücks, wo wir auf immer vergeblich suchen werden. Das Streben nach Glück kann also nicht nur Segen, sondern auch Fluch sein.

Selbstakzeptanz und Selbstfürsorge sind Schlüsselwörter, wenn es darum geht glücklich zu werden. Glück ist mehr als Zufall, ist mehr als sich durch äußere Gegebenheiten gut zu fühlen. Glück ist innere Zufriedenheit mit sich selbst.