Briefing zum Nahen Osten – Der Krieg in Jemen

Briefing zum Nahen Osten – Der Krieg in Jemen

Geschrieben am 27.07.2019
von Nicolás Heyden

Seit 2015 herrscht in Jemen die laut UN größte humanitären Katastrophe dieser Zeit. Interne Machtkämpfe und externe Interessen machen die Situation verworren. Zur aktuellen Lage.



Foto: freevectormaps.com. Das grüne Gebiet gehört zur offiziellen Regierung (bzw. ist teils unbewohnt), blau zu den Huthi-Rebellen und schwarz ist von Al-Qaida und ihren Verbündeten durchsetzt. Lila hinterlegt ist der Ursprungsort der Huthi-Rebellen.

Hintergrund

Nach dem Fall der jemenitischen Hauptstadt Sanaa an die Huthi-Rebellen im September 2014 beschloss Saudi-Arabien die militärische Intervention zur Wiedereinsetzung der Regierung unter ʿAbd Rabbihi Mansur Hadi. Im März 2015 begannen die Luftschläge mit Unterstützung der USA, des Golf-Kooperationsrats (GKR) und der anderen Staaten der Arabischen Liga (AL). Entgegen der Prognosen zog sich der Konflikt in die Länge. Seit seinem Beginn starben rund 100.000 Menschen, während zwei Millionen Vertriebene plus nochmal 20 Millionen Menschen von humanitärer Hilfe abhängig sind.

Kriegsparteien und ihre Interessen

Die zaiditischen (shiitische Untergruppe) Huthi werden nach dem Begründer der religiös fundamentalistischen Bewegung Al-Shabaab Al-Mumin (Die gläubige Jugend) unter Hussein Al-Huthi benannt. Es handelt sich mehrheitlich um Stämme shiitischer Glaubensrichtung aus Nordjemen. Seit 2004 kam es regelmäßig zu schweren Kampfhandlungen mit dem jemenitischen Militär, die heute als die sechs Saada–Kriege zusammengefasst werden. Hussein Al-Huthi wurde bereits im ersten Saada-Krieg getötet, was jedoch nicht das Ende seiner Bewegung bedeutete.

Der Islamischen Republik Iran wird ab 2010 die Unterstützung der Huthi-Rebellen durch Waffen und Expertise vorgeworfen. Wenngleich die iranische shiitische Strömung kaum etwas mit jener der Zaiditen gemein hat, deuten die Entwicklungen auf einen politischen Machtausbau Teherans in Jemen hin. Hierzu gehören abgefangene Waffenlieferungen auf iranischen Fischerbooten vor der Küste von Oman, Gespräche mit Rebellen in Teheran sowie mindestens ein von westlichen Sicherheitsbehörden bestätigtes Kooperationsabkommen.

Das Königreich Saudi-Arabien grenzt direkt nördlich an Jemen und gilt als einer der Hauptverursacher des seit 2015 anhaltenden Konflikts. Aufgrund des aktuellen Machtkampfes mit Iran wurde der Gewaltausbruch in Jemen als Stellvertreterkrieg zwischen Teheran und Riad bezeichnet. Die militärische Intervention Saudi-Arabiens gilt als erste unter dem Oberkommando des saudischen Thronfolgers Muhammad bin Salman. Daher wird angenommen, dass der Militäreinsatz den zukünftigen Herrscher im eigenen Land politisch festigen soll. Den regionalen Verbündeten Saudi-Arabiens und der Militärallianz wird ein rücksichtsloses Vorgehen gegen die jemenitische Zivilbevölkerung vorgeworfen.

Zusammen mit Ländern der Arabischen Liga und insbesondere des GKR wurden Luftangriffe sowie die wirtschaftliche Isolation Jemens durchgesetzt. Aufgrund jüngster politischer Spannungen brachen 2017 Katar und im Juni 2019 die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) aus der Allianz wieder heraus. Das Ziel Saudi-Arabiens, die Wiedereinsetzung der offiziellen jemenitischen Regierung, wurde bis heute nicht erreicht.

Die USA beteiligten sich durch die finanzielle Unterstützung Saudi-Arabiens und eigene verdeckte Operationen gegen mit Al-Qaida liierte Gruppen in Jemen.

Das Sultanat Oman nimmt in diesem Konflikt eine Sonderrolle ein. Es grenzt direkt an den östlichen Teil Jemens und wird von südarabischen Ethnien bewohnt, die es auch in Jemen gibt. Wenngleich sich das Land neutral positioniert, äußerte Riad den Vorwurf, dass Oman Unterhändler in die Grenzregion Mahr (auf jemenitischer Seite) gesandt habe, um Kontrolle auf besagte Stämme auszuüben. Tatsächlich hielten sich bewaffnete Auseinandersetzungen in dieser Region in Grenzen. Auf omanischer Seite (Grenzregion Dhofar) existieren trotz der militarisierten Grenze zwei Freihandelszonen für jemenitische Händler.

Zum Friedensprozess

Im Dezember 2018 gelang es im Zuge der Stockholm-Friedensgespräche erstmals seit 2016, die Konfliktparteien an einen Tisch zu bewegen. Die Vereinten Nationen bemühen sich dabei als Vermittler, ebenso wie das Sultanat Oman. Die daraus entstandenen Bemühungen einer Entmilitarisierung des Hafens von Hodeida gerieten jedoch ins Stocken. Regionale Waffenstillstände wurden bis Juni 2019 weitgehend eingehalten. In den vergangenen Wochen nahm die Zahl bewaffneter Auseinandersetzungen jedoch wieder zu. Huthi-Rebellen halten Hodeida und Sanaa noch immer besetzt. Ein offizieller Frieden wurde nicht geschlossen.

Fazit

Wenngleich der Krieg in Jemen nahezu keine Beachtung mehr in den Medien findet, gilt er als derzeit größte humanitäre Katastrophe der Welt. Externe Interessen wirkten dabei als Katalysator für die Zerstörung und Dauer des Konflikts. Die mittelfristigen Ziele der Friedensgespräche wurden bislang nicht umgesetzt. Eine Einigung aller Kriegsparteien ist nicht in Aussicht.