Lebenswege sind wie Zugfahrten

Lebenswege sind wie Zugfahrten

Geschrieben am 02.08.2019
von Isabel Thurnherr

Das Leben ist wie eine Fahrt im Zug. Bei jeder Station wechseln die Passagiere und alle haben eine eigene Geschichte, eigene Pläne. Doch etwas haben sie alle gemeinsam: Sie sind auf dem Weg zu ihrem ganz persönlichen Ziel.



© Pixabay

Das Leben ist wie eine Fahrt im Zug. Bei der Geburt steigen wir ein und machen es uns bequem. Wir sind umgeben von Menschen, die uns lieben und die uns auf den ersten Kilometern begleiten. Es beginnt eine rasante Fahrt durch wunderschöne Täler und über hohe Berge. Mal bewegt sich der Zug mit erhöhter Geschwindigkeit, manchmal aber fahren wir auch ganz langsam und gemächlich.

An einigen Zwischenstationen steigen neue Passagiere ein, die einem auf der Fahrt Gesellschaft leisten. Mit einigen von ihnen sitzen wir nahe zusammen. Andere steigen in einen Wagon weiter vorne oder hinten ein und wir spüren nicht wirklich, dass sie da sind. Irgendwann verlassen diese Menschen den Zug. Sie wechseln die Gleise und machen sich auf den Weg in eine andere Richtung – zu einem anderen Ziel.

Bei dem ganzen Trubel ist man nie alleine. Manchmal ist es laut, manchmal aber auch ganz leise. Plötzlich werden wir ganz stark durchgeschüttelt, weil der Zug über einen Stein fährt, der auf dem Weg liegt.  Nach einem kurzen Schrecken geht die Fahrt aber wieder weiter. Wir fahren durch Orte, an denen es regnet, und ein bisschen später auch durch Orte, an denen uns wegen des starken Sonnenscheins ganz warm wird. Wir führen teilweise ernste Gespräche, machen uns tiefgründige Gedanken, während wir mit dem Kopf an der Scheibe anlehnen und nach draußen schauen. Je nach Sitznachbar wird es aber auch lustig und wir kriegen uns gar nicht mehr ein vor Lachen.

So vergeht die Zeit wie im Flug. Der Zug wechselt die Richtung, fährt mal nach Süden und dann wieder nach Norden. Wenn wir uns nach einer ganzen Weile umsehen, stellen wir fest, dass einige Menschen, die schon von Anfang an auf unserer Reise dabei sind, noch immer in unserem Abteil sitzen. Es sind auch neue Menschen dazugekommen, andere wiederum haben den Zug gewechselt. Es ist wie im richtigen Leben. Die Menschen kommen und gehen. Einigen trauern wir nach, weil sie wirklich tolle Sitznachbarn waren. Bei anderen sind wir vielleicht froh, dass sich die Wege getrennt haben.

Und irgendwann ist auch unser Zug am Endbahnhof angekommen. Wir steigen aus und können auf eine turbulente, spannende und abwechslungsreiche Fahrt zurückblicken, bei der sowohl viele schöne Momente aber auch einige holprige Phasen vorgekommen sind. Und doch haben wir es bis zum Schluss geschafft. Nur wenige Menschen sind seit Beginn der Fahrt dabei. Einige, die zu einem späteren Zeitpunkt eingestiegen sind, steigen mit uns zusammen aus. Aber jeder Passagier, egal ob wir lange oder kurz mit ihm gefahren sind, hat uns auf irgendeine Art und Weise geprägt.

Am Bahnhof treffen wir auf ganz viele unterschiedliche Personen. Alle kommen aus verschiedenen Richtungen, haben eine je ganz einzigartige Fahrt bis hierher erlebt. Vielleicht kommen einige uns bekannt vor, weil sie einen kurzen Teil der Stecke in unserem Zug mitgefahren sind. Es heißt doch so schön, man sieht sich immer zwei Mal im Leben.

Jeder Einzelne von uns ist ein Individuum. Wir alle haben unterschiedliche Träume, Ziele und Wünsche. Lasst uns versuchen, einander mit Achtung und Respekt gegenüberzutreten. Sich für einander zu freuen und nicht übereinander herzuziehen und sich lustig zu machen, wenn sich jemand für einen anderen Weg entscheidet. Wir sollten uns an den vielen unterschiedlichen Geschichten freuen, die wir uns nun über unsere Fahrt hier her erzählen können.

Am Ende zählt doch, dass wir alle, unabhängig von unserem Alter, der Herkunft, des Geschlechts, des Aussehens und des Glaubens eine persönliche, unvergessliche Reise hinter uns haben. Dass es jeder Einzelne trotz Höhen und Tiefen, Hindernissen auf dem Weg, Angst und Sorgen hierher zum Endbahnhof geschafft hat.


Hallo zusammen,

ich heiße Livia und ich möchte euch etwas von mir erzählen.

Lange Zeit war ich sehr verzweifelt. Ich konnte mir nicht erklären, wieso sich Freunde immer wieder auseinander leben, weshalb man sich voneinander entfernt und wieso Menschen, die einem mal so wichtig waren, plötzlich nicht mehr da sind.

Schon immer war mir der soziale Umgang sehr wichtig. Bereits in der Schule fing es jedoch an, dass Freundschaften sich in unterschiedliche Richtungen entwickelten. Man wurde in andere Klassen eingeteilt, ging in unterschiedliche Schulhäuser. Mit dem ersten Umzug und dem Wechsel in die Arbeitswelt folgten weitere Umbrüche. Klar, man gibt sich Mühe, die Kontakte weiter zu pflegen, aber wenn sich die Leben komplett ändern, befindet man sich manchmal auf einer anderen Wellenlänge.

Irgendwann, als ich im Zug saß und aus dem Fenster schaute, kam mir dieser Gedanke: Der Gedanke, dass unser Leben einer Fahrt im Zug ähnelt. Die neuen Passagiere, die an den einzelnen Stationen einsteigen, symbolisieren die Menschen, die in unser Leben treten. Einige bleiben länger, mit anderen verläuft sich der Kontakt schon nach kurzer Zeit wieder.

Und so habe ich angefangen, besser damit umzugehen. Seit diesem Moment sehe ich jede Person, die ich kennenlerne, als eine Art „Begleitung“. Von den einen kann ich mehr profitieren, von den anderen weniger. Trotzdem ist jeder auf die eigene Art gut, so wie er ist. Und es ist doch schön, dass jeder von uns seinen eigenen Weg zu dem persönlichen Traumziel geht (oder fährt…).