Muss man sich an die Zehn Gebote halten? ­čĄö

Geschrieben am 18.07.2022
von Benedikt B├Âgle

Die Zehn Gebote bilden einen wichtigen Baustein j├╝dischen und christlichen Glaubens. Sie stellen die wichtigsten Regeln f├╝r das Verhalten der Menschen gegen├╝ber Gott und gegen├╝ber anderen Menschen dar. Muss man sich an die Zehn Gebote halten?

Jede Gesellschaft braucht Regeln. Das galt von der kleinsten Einheit bis zum gro├čen Ganzen: Schon in jeder Familie gibt es bestimmte Regeln, an die sich Eltern und Kinder halten m├╝ssen ÔÇô von der Bettgehzeit ├╝ber Benimmregeln bei Tisch bis zu der Frage, wie und wann Probleme angesprochen werden.

In der Schule gibt es Regeln, sp├Ąter am Arbeitsplatz auch. In einer modernen, entwickelten, freiheitlichen Grundordnung nimmt der Bedarf an Regeln immer weiter zu. Zur Einsch├Ątzung: Allein das B├╝rgerliche Gesetzbuch (BGB) umfasst 2385 Paragraphen, die Rechtsbeziehungen zwischen B├╝rgern regeln ÔÇô vom Kaufvertrag ├╝ber die Eheschlie├čung bis zum Erbe.

Zehn knappe Regeln

Ganz anders wirken da die Zehn Gebote aus dem Alten Testament. In zehn ganz knappen Regeln versuchen diese Gebote, menschlichem Verhalten einen gewissen Rahmen zu geben: Einerseits wird dort das Verh├Ąltnis des Menschen zu Gott geregelt, andererseits sein Verhalten zu anderen Menschen.

Besonders aber ist der Kontext, in dem Gott diese Gebote seinem Volk Israel gibt. Nach einer Hungersnot mussten Jakob und seine Familienmitglieder das Land Kanaan verlassen; sie ziehen nach Ägypten. Dort gibt es reichlich Getreide, genug Nahrung für alle.

Freiheit als Voraussetzung der Gebote

Die Familie w├Ąchst in ├ägypten; den dortigen Einwohnern erscheint das irgendwann befremdlich. Sie haben Angst vor den unbekannten Menschen und fassen einen grausamen Beschluss: Die Israeliten werden versklavt. Sie m├╝ssen Zwangsarbeit leisten, leben als Sklaven in einem fremden Land. Gott ignoriert das Leid seine Volkes aber nicht: Er beruft Mose, um durch ihn Israel zu befreien.

Nach zehn Plagen, die ├╝ber ├ägypten kommen, zieht das Volk durch die W├╝ste. Gott trennt das Rote Meer, damit die Israeliten vor den nachziehenden ├ägyptern trockenen Fu├čes durch das Meer schreiten k├Ânnen. In der W├╝ste kommt es immer wieder zu Konfliktsituationen: Das Volk sehnt sich beinahe nach der Sklaverei zur├╝ck. In ├ägypten hatten sie zwar ein hartes und unfreies Leben; aber sie hatten doch genug zu essen und mussten nicht durch die W├╝ste irren.

Gebote erm├Âglichen Freiheit

Gott ├╝bergibt Mose die Zehn Gebote. Er beginnt seine Rede: ÔÇ×Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus dem Land ├ägypten gef├╝hrt hat, aus dem Sklavenhaus.ÔÇť (Exodus 20,1). Noch vor den konkreten Geboten erinnert Gott an das, was er f├╝r sein Volk getan hat. Diese Reihenfolge ist entscheidend: Gott befreit sein Volk nicht erst, wenn und nachdem es all seine Gebote gehalten hat.

Umgekehrt: Gott schenkt seinem Volk die Freiheit. Die Befolgung der Gebote ist keine Voraussetzung f├╝r die Gnade Gottes, sondern ihre Folge. Gott gibt Israel seine Gebote nicht, um sie zu g├Ąngeln. Stattdessen stehen die Zehn Gebote unter der Erfahrung von Freiheit.

Grundgesetz der Bibel

Die Zehn Gebote stehen f├╝r einen Lebensentwurf, der das Leben des einzelnen Menschen in der Gemeinschaft anderer erm├Âglicht. Die Zehn Gebote enthalten gewisse Handlungsanweisungen, die zwingend sind, um ein friedliches und gl├╝ckliches Leben zu erm├Âglichen: Dass andere nicht get├Âtet werden d├╝rfen; dass das Hab und Gut anderer nicht weggenommen oder dass die Ehe nicht gebrochen werden darf.

Diese Zehn Gebote ersetzen ja nicht alle weiteren Regelungen. Was etwa hei├čt es, einen Menschen zu t├Âten? Darf das nicht einmal in Notwehr geschehen? Wann beginnt Leben, wann endet es? Darf ich einen Menschen bei seiner Selbstt├Âtung unterst├╝tzen oder f├Ąllt auch das unter das biblische Verbot?

Der Mensch steht vor Gott

Die Zehn Gebote machen weitere Gesetze und Ausdifferenzierungen nicht ├╝berfl├╝ssig. Schon die Thora ÔÇô die f├╝nf B├╝cher des Mose ÔÇô enthalten zahlreiche Gebote, die erkl├Ąren, welche Regelungen ganz genau gelten sollen. Unser staatliches Recht verfolgt dieses Ziel ebenso. Die Zehn Gebote aber bilden einen Rahmen, eine Richtschnur f├╝r das menschliche Leben.

Und doch haben die Zehn Gebote bis heute Geltung. Dabei stellen sie das Zusammenleben der Menschen unter einen bestimmten Horizont. Das erste Gebot lautet: ÔÇ×Du sollst neben mir keine anderen G├Âtter haben.ÔÇť (Ex 20,3). Der Mensch soll anerkennen, dass er selbst nicht letzter Richter ist ÔÇô sondern selbst vor Gott als Richter steht, dem er seine Existenz verdankt.