Ein Freund: Herzensmensch und größter Kritiker

Geschrieben am 11.09.2022
von Matthias Chrobok

„Ein Freund, ein guter Freund, ist das Beste was es gibt auf der Welt…“ – klingt dir dieses Lied der „Comedian Harmonists“ in den Ohren? Gut, denn im Folgenden soll es um die Freundschaft gehen. Soll ein Freund jemand sein, der dir immer das sagen soll, was du hören willst oder brauchst du ab und an einfach ein ehrliches Feedback? Dein Freund ist ein Herzensmensch, der beste Zuhörer und zugleich dein größter Kritiker, wenn du vielleicht einmal den Holzweg beschreitest.

© f1rstlife / Matthias Chrobok

Ein Freund – Zuhörer und Kritiker

„Du, Matthias, ich möchte dich auf das eine oder andere Verhalten ansprechen“, sagte mir ein guter Freund nach einer gemeinsamen Partynacht. „Du hast zu sehr die Kontrolle über dich verloren und angefangen, Stress zu machen. Das fand ich nicht in Ordnung und das wollte ich dir nur sagen .“ Ich schätzte die Offenheit und Ehrlichkeit meines Freundes mir gegenüber. Gleichzeitig fühlte ich mich schuldig, ihm und mir gegenüber.

Wie würdest du reagieren, wenn du diese oder ähnliche Worte hörst? Wie reagierst du darauf, wenn jemand – deine Mitbewohner oder deine Partnerin oder dein Partner – etwas bemerkt und dich darauf anspricht – sei es ein Fehlverhalten oder einfach nur eine Nachlässigkeit. Bist du verletzt? Sauer? Trotzig? Oder versuchst du dich, zu verteidigen oder zu rechtfertigen? Deinen Stolz überwinden und sich vielleicht auch selbst hinterfragen – das ist essenziell dafür, Kritik gut annehmen und umsetzen zu können.

Wie in meinen Beiträgen vorher betrachte ich „wahre Freundschaft“ als eine der Säulen der Gemeinschaft „Cenacolo“. Neben der Arbeit und dem Gebet lernen die jungen Menschen, dem anderen zu vertrauen und auf diese Weise wieder Vertrauen in sich selbst und in die Zukunft zu haben – ohne Drogen oder sonstige Süchte.

Der Schutzengel ist dein erster Freund in der Gemeinschaft

Zu Beginn meiner Zeit in der Gemeinschaft war ein 32-jähriger gebürtiger Mainzer mein Schutzengel – also jemand, dem ich mich anvertrauen konnte und der mir durch die Schwierigkeiten des Alltags hindurch geholfen hat. Er ist vor dem Corona-Lockdown 2020 im bosnischen Marienerscheinungsort Medjugorje eingetreten und wurde seitdem in einige Häuser der Gemeinschaft versetzt.

Mit ihm habe ich offen und ehrlich über meine Vergangenheit und darüber gesprochen, warum ich in die Gemeinschaft eingetreten bin. Bis zu meinem Austritt verband uns eine besondere Beziehung – durch alle guten und herausfordernden Momente. Ich wollte und sollte über die Zeit mehr über mich selbst, meine Vergangenheit und mein Verhalten lernen.

Das geht aber nur mit der Hilfe von einem Gegenüber und so war ich angewiesen auf Feedback und alle Arten von Hilfestellungen. Wie schneide ich das Brot gut und wie – ich weiß, es hört sich lustig an – wische ich die Tische und Böden richtig? Dabei war es auch nicht wichtig, wie alt derjenige war, der mich darauf hingewiesen hat, sondern es ging um die Sache an sich.

Ein Freund mag dich so, wie du bist – verstell‘ dich nicht!

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Ich fühlte mich angenommen, so wie ich war – verstellen geht nicht, wenn du 24/7 mit den gleichen Jungs zusammen bist. Wenn jemand sein Bett nicht gemacht hat, haben es die anderen gemacht; wenn du ein wenig schlechte Laune hattest, haben sie dich aufgemuntert. Es war ein gegenseitiges Sich-geben für den anderen. Dadurch habe ich gelernt, mich von meinem Egoismus loszusagen und den anderen so zu akzeptieren, wie er ist und ihn auch gut zu behandeln.

Ich habe auch gelernt, dass es überhaupt nicht wehtut, dem anderen zu sagen, was ich an ihm gesehen habe oder wo er etwas falsch gemacht hat. Tatsächlich war es aber so, dass ich niemandem viele Hilfestellungen gegeben habe, sondern der war, der zum Beispiel darauf aufmerksam gemacht wurde, das „Schwarze Brett“ mit den Aufgaben ordentlich zu gestalten, das Brot für das Mittag- und Abendessen besser zu schneiden und mich beim gemeinsamen Gebet mehr zu beteiligen. Genauso gehört es dazu, nach der Arbeit hinter sich aufzuräumen – sowohl in der Gemeinschaft als auch in einer WG oder einer Familie.

Lernen, um Verzeihung zu bitten und nicht zu lügen

Kleine Alltagslügen erleichtern dir das Leben? Wohl eher nicht. Selbst die wohlüberlegtesten Unwahrheiten kommen irgendwann heraus – kennst du, oder? Sich dann zu rechtfertigen, macht die Situation eher schlimmer, als dass es sie rettet. So ist es auch in der Gemeinschaft: Ich habe jeden Tag, sechs Monate lang, mit den anderen Jungs zusammengelebt – mit verstellen oder lügen kommst du nicht weit. Klar kostet es Überwindung und Mut, dem anderen zu sagen, dass du etwas kaputtgemacht oder unerlaubterweise genommen hast, aber es reinigt dich innerlich und schafft einen Neuanfang mit dem anderen, der dir verzeiht.

Es gab einen Moment, auf den ich nicht stolz bin: Kurz vor Ostern wusste ich, dass ein Mitbruder zum ersten Mal nach zwei Jahren seine Familie sehen durfte. Ein unbeschreiblich schöner Moment, den man kaum erwarten kann. Ich dachte, ich mache ihm eine Freude und sage es ihm, aber das Gegenteil ist passiert – auf die anfängliche Freude kam die Antwort: „Ich weiß, Matthias, dass du es nur gut gemeint hast, aber du hast mir die Überraschung kaputt gemacht und ich fand es scheiße.“

© f1rstlife / Matthias Chrobok

Nach einer Woche, in der wir kaum miteinander geredet haben, trafen wir uns und ich bat um Entschuldigung. Ich hatte die Tragweite einfach falsch eingeschätzt und ihm so die Freude genommen. Wir beide sagten uns, wie wir uns gefühlt haben, reichten uns die Hand und schafften diese Sache aus der Welt. Unsere Freundschaft wurde durch dieses Entschuldigen und Verzeihen gefestigt und mir wurde bewusst, wie sehr ich andere unüberlegt verletzen kann.

Mit einem Freund durch Dick und Dünn gehen

Dieses Um-Verzeihung-Bitten sollte zu unserem Alltag gehören. Der eigene Schatten des Stolzes ist nicht so weit, dass wir ihn nicht überspringen könnten. Ein Mensch, der uns dabei helfen kann, uns immer zu hinterfragen und von einem möglicherweise falschen Weg abzukommen, ist ein Freund: Ein Mensch, der uns nicht sagt, was wir hören wollen, sondern der uns auch mal die Leviten liest. Ein Freund ist jemand, mit dem du durch Dick und Dünn gehst, mit dem du lachen und weinen und dem du einfach alles anvertrauen kannst, womit du kämpfst oder was dich freut.