Stimmen aus der Ukraine: Urlaub im Kriegsland – Teil 2

Geschrieben am 05.09.2022
von Anika Khalus

Nach vielen Wochen der Trennung kehrt Anika mit ihren Kindern zurück zu ihrem Ehemann in die Ukraine. Auch wenn sich vieles so anfühlt wie früher, sind die Spuren des Kriegsalltags deutlich zu spüren.

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Schnell brachten wir das Gepäck ins Auto. Und nun ging es endlich nach Hause. Es lief die Lieblings-CD der Kinder, als wäre es nicht über drei Monate her, dass sie das letzte Mal in diesem Auto saßen. An der Zufahrtsstraße zur Grenze standen riesige Werbetafeln mit Sprüchen wie „Sei mutig wie die Ukraine“ oder „Flieh nicht, sondern verteidige“ als Denkanstoß für die Männer, die probieren wollten, auszureisen.

Auf der Stunde Fahrt nach Hause fielen noch viele solcher Tafeln auf, teilweise mit Gebeten für Frieden, teilweise mit Warnungen an die russischen Soldaten und Aufforderungen zur Kapitulation. Außerdem waren viele Wegweiser und Ortseingangsschilder abgeklebt, um der feindlichen Armee die Orientierung zu erschweren. Zusätzlich verengten Sandsäcke, Metallkonstrukte und Autoreifen Einfahrten in die Städte. An solchen „Blockposten“, also Kontrollpunkten, werden regelmäßig Ausweise kontrolliert, um zu verhindern, dass russische Soldaten versteckt in die Städte fahren.

Bewegende Schicksale in der eigenen Wohnung

Endlich kamen wir an. Unsere Wohnung war so vertraut – und doch waren Spuren der letzten Monate zu sehen, in denen sie etlichen Familien als vorübergehende Zuflucht gedient hatte. Bohdan hatte in der Zeit insgesamt über 15 Familien kurzzeitig beherbergen können, die auf der Flucht aus den Ostgebieten dort eine Nacht oder zwei ausruhen konnten, bevor er sie an die polnische Grenze oder an den Bahnhof in Lviv fuhr.

Ich bin dankbar, dass unser Zuhause so einen Beitrag leisten konnte. Und es bewegte mich sehr, hier und dort noch ein vergessenes Kuscheltier oder Kleidungsstück wegzuräumen, dass die Flüchtlinge in ihrer Hektik vergessen hatten, einzupacken. Vermutlich werde ich diese Menschen nie kennen lernen, und doch haben sich unsere Schicksale hier indirekt gekreuzt.

Mulmige Gefühle und Sirenen des Luftalarms

Kaum hatten wir die Türe hinter uns zugemacht, ging der Luftalarm los. Ich erschrak, doch Bohdan reagierte ganz gelassen. Er machte die Fenster zu, und schon hörte man nichts mehr. Im Laufe der nächsten Tage erfuhr ich, dass sich mittlerweile alle Nachbarn so verhielten. Teilweise blieben sogar die Kinder auf dem Spielplatz. Gott sei Dank scheint es in unserem Ort tatsächlich „sicher genug“ zu sein, um nicht in den Luftschutzbunker laufen zu müssen.

Ich hatte dennoch ein mulmiges Gefühl.  Nach ein paar Tagen schien es mir manchmal, als ginge die Sirene los, doch das war nur in meinem inneren Ohr. Je länger ich da war, desto ruhiger wurde ich jedoch. Und im Vergleich zur Ostukraine, wo teilweise stündlich die Sirene losgeht, ist sie bei uns nur alle paar Tage mal zu hören, und meist ist schnell wieder Entwarnung. 

Ein Notfallrucksack für den Ernstfall

Nach ein paar Tagen entdeckte ich Bohdans Reiserucksack in der Küchenecke. Ich wollte ihn gerade im Schrank verstauen, da merkte ich, dass er gepackt war. Neugierig schaute ich hinein – Konservendosen, ein Erste-Hilfe-Set, einige Klamotten und Medikamente, Taschenlampe und Taschenmesser. Sein Notfallrucksack! Um im Falle eines Anschlags, schnell in einen Bunker fliehen zu können und für einige Tage versorgt zu sein.

Ich bekam eine Gänsehaut, mir vorzustellen, dass diese Tasche für viele Leute das Einzige war, was sie auf die Flucht mitnehmen konnten, bevor ihre Wohnungen zerbombt wurden. Wenn sie überhaupt dazu kamen, so eine Tasche zu packen. Viele Familien waren in den ersten Kriegstagen nur mit dem geflohen, was sie am Körper trugen.

Kriegsalltag in Lviv

Am Ende der Woche wollte ich doch endlich mal wieder nach Lviv selbst in die Altstadt, meine Lieblingsstadt. Cafés und Geschäfte waren geöffnet. Viele Menschen schlenderten durch die Straßen. Alles schien so unbekümmert, so normal. Doch auch hier entdeckte ich die Spuren des neuen Kriegsalltags: Die Fenster der historischen Gebäude waren mit Brettern und Blechen zugenagelt und Skulpturen umzäunt, damit sie bei Angriffen keinen Schaden nehmen würden.

An den Eingangstüren zu Cafés und Läden hingen Infozettel, mit dem Hinweis, dass diese während eines Luftalarms geschlossen würden und die Adresse des nächsten Bunkers, wohin die Kunden fliehen sollten. Im Park neben dem Spielplatz waren mehrere Bunker: Treppen, mit Sandsäcken umstellt, die unterirdisch in ein mehr oder weniger großes Erdloch führten. Gott sei Dank ging die Sirene nicht los, solange wir dort spazierten.

Ausreise mit Hindernissen

Schnell verging unser Urlaub zu Hause, schnell war es schon wieder so normal geworden, zusammen zu sein. Wir hatten noch zwei Übernachtungen in den Karpaten geschenkt bekommen, wo wir einen wunderschönen Kurzurlaub verbringen konnten. Dort in den Bergen gab es keine Sirenen. Nur der Telegramkanal informierte uns über Luftalarm. Doch dort war der Umgang damit noch viel entspannter.

Schließlich fuhren wir an die ukrainisch-slowakische Grenze, um zu probieren, alle zusammen nach Deutschland zu fahren. Uns wurde gesagt, dass dort die Grenzbeamten öfter mal ein Auge zudrücken, zumal zwei kleine Kinder im Auto saßen. Doch Bohdans Dokumente wurden sofort abgelehnt. Keine Chance zur Ausreise, da er im wehrfähigen Alter ist und keine Befreiung von einer möglichen Einberufung hat.

Rückfahrt nach Deutschland

Wir waren enttäuscht, aber hatten es schon fast befürchtet. Also blieb uns keine andere Wahl, als dass ich mit den Kindern in einem Reisebus zurückfuhr. Während wir zwar traurig waren über die erneute Trennung, war unser Schicksal doch wesentlich leichter zu ertragen als das vieler Mitfahrer, die teilweise zum ersten Mal und in großer Angst ins Ausland fuhren, die Sprache nicht kannten und teilweise lange, traumatische Fluchten aus den Ostgebieten hinter sich hatten.

Ich konnte meine Kinder (und mich) immerhin damit trösten, dass wir zur Oma fahren. Und dass wir bald zurück zum Papa kommen. Denn ja, in den zwei Wochen „Urlaub zuhause“ entschieden wir uns, dass wir ganz zurückkehren wollten. Der Alltag war „zu normal“, um eine weitere Trennung als Familie zu rechtfertigen.