Toxische Beziehungen: Der Teufelskreis des Selbstwerts

Geschrieben am 31.12.2022
von Maja van Berg

Vielen Menschen, die eine toxische Beziehung hinter sich haben, fällt es sehr schwer zu begreifen, wie sie in einer solche Beziehung hineingeraten sind. Meistens sind es vor allem die Menschen mit wenig Selbstwert und Selbstvertrauen, die nahezu magisch von toxischen Partnern angezogen werden. Ihr geringes Selbstwertgefühl macht sie zur leichten Beute und lässt Manipulationen zu, die bei normalem Selbstwert erschwert verlaufen würden.

Erst im Nachheinein wird es den Opfern bewusst, wie manipulierbar und abhängig sie gewesen sind, doch das führt oft noch zu zusätzlichen Problemen. Wie wir es erkennen und wie wir unseren Selbstwert aktiv stärken können, erfahrt ihr hier.

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Wenn Liebe zu Abhängigkeit führt

Es gibt einige Strategien, die toxische Personen nutzen, um ihre Opfer in Sicherheit zu wiegen. Dazu muss man leider sagen, dass sie oft selbst keine grundsätzlich böse Absicht verfolgen und nicht selten selbst unter ihren toxischen Verhaltensweisen leiden. Was sie jedoch gefährlich macht, ist ihr übermäßiger Egoismus und ihre Bereitschaft zur Manipulation zur Erreichung eigener Ziele. Toxische Eigenschaften können sich in sehr vielen Bereichen zeigen und können manchmal erst spät als solche erkannt werden. Häufig zeigen sich diese Eigenschaften in Liebesbeziehungen oder bereits beim Dating und/oder in der Kennenlernphase.

Viele Menschen bekommen von ihrem Elternhaus nicht genug Liebe und Fürsorge, kein Wunder, denn die Erziehung vor 70 Jahren hatte noch sehr wenig mit Zärtlichkeit und Zentrierung auf das Kindeswohl zu tun, gerade in puncto mentale Gesundheit. Wenn wir darüber nachdenken, dass unsere Großeltern diese Erziehung an unsere Eltern usw. weitergegeben haben, erscheint es nicht verwunderlich. Das hat zur Folge, dass uns nur selten Selbstliebe beigebracht wurde und Anerkennung ist vielleicht ein seltenes Gut, geschweige denn wurden wir damit überhäuft.

Im Verlauf unseres Lebens streben wir nach immer mehr Liebe und übersehen dabei, dass das, was wir vielleicht Liebe nennen, in Wirklichkeit nur Abhängigkeit oder andere Emotionen sind. Und Abhängigkeit ist selten etwas Gutes, weder in Beziehungen noch in den sonstigen Bereichen unseres Lebens. Vielmehr untergräbt sie unsere Persönliche Entwicklung, macht uns schwächer und entzieht uns im schlimmsten Fall unsere Lebensgrundlage.

Von Verlustängsten und Schuldzuweisungen

In toxischen Beziehungen geht es oft um ein Machtgefälle zwischen den Partnern und eines der Instrumente, mit denen Macht erlangt werden kann, ist Angst. Emotionale Ängste haben wir von klein auf verinnerlicht und fürchten uns auf natürliche Weise vor ihnen. Manchmal versuchen wir sogar alles, um sie zu vermeiden. Eine dieser starken Ängste ist die Verlustangst aus den hintersten Ecken unseres Gehirns, wo wir noch klein sind und unsere Abhängigkeit von der Mutter/den Eltern präsent ist und unsere einzige Überlebenschance ist. Diese Angst treibt uns leichter in Verleugnung und Abhängigkeitsverhältnisse, die wir eigentlich gar nicht wirklich wollen und die uns schaden können.

Genauso verhält es sich mit Schuld, auch sie ist ein gutes Mittel, um seine Macht zu demonstrieren und die des Gegenüber gleichzeitig zu schwächen. Schuld ist immer eine Bürde, die uns unbeweglich macht, weil sie uns das Gefühl gibt, Fehler gemacht zu haben, die wir wiedergutmachen müssten. Diese bringt uns also ebenfalls in ein Abhängigkeitsverhältnis und dem Partner etwas zu schulden.

Leider birgt es das Potential, dass wir uns so niemals gut genug fühlen können, denn die Schuldzuweisungen steigern sich immer mehr und bringen uns in eine Abwärtsspirale rein, der wir nur schwer wieder entkommen können. Unser Selbstwert leidet zunehmend darunter, dass wir scheinbar nichts richtig machen können und nur verlieren können. Also muss es doch an uns liegen. Oder?

Soziale Isolation und Frustration

Nicht selten passiert es, dass eine toxische Beziehung bzw. ein toxischer Partner die erste Geige spielt. An ihm werden alle Wünsche ausgerichtet, er ist der Nabel der Welt und diese soll sich gefälligst auch um ihn drehen. Das hat manchmal zur Folge, dass andere soziale Kontakte im Leben leiden und sogar weichen müssen. Manchmal werden sogar besorgte Hinweise aus dem Freundeskreis und dem sozialen Umfeld ignoriert, weil die Verlustängste zu stark sind.

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Stattdessen wird diese toxische Beziehung auch noch romantisiert und verteidigt. Die eigenen Interessen und Freunde schwinden und die Isolation macht sich im gesamten Leben breit. Das wiederum tut dem Selbstwert nicht gut und treibt uns immer mehr in die Verzweiflung und die Verlustängste.

Keine Veränderung in Sicht

Es gibt einige Menschen, die darüber berichten, gleich mehrmals nacheinander in toxische Beziehungen geraten zu sein. Blickt man darauf vom Standpunkt des Selbstwerts aus, erscheint es gar nicht so abwegig. Eine toxische Beziehung minimiert den Selbstwert und maximiert Unsicherheit und Abhängigkeit. Wenn man eine solche Beziehung beendet, fühlt man aich erst einmal verloren in der Welt. Die Haltung die wir nun uns selbst gegenüber haben ist negativ, unser Selbstwert schwach ausgeprägt. Das macht angreifbar für weitere toxische Personen, die es nun viel leichter haben.

So durchlaufen die Opfer oftmals mehrere Zyklen von toxischen Beziehungen, die sie immer weiter zerstören können, sodass es sie für ihr weiteres Leben prägen kann. Deswegen ist es ratsam, nach einer toxischen Beziehung erstmal Abstand zu nehmen und sich auf sich selbst zu besinnen, denn ganz oft erkennt man, dass auch man selbst einen gewissen Anteil daran hat, in eine toxische Beziehung geraten zu sein.

Unsere Rettung: Selbstliebe und Akzeptanz

Wir sollen bekanntermaßen unseren Nächsten lieben wie uns selbst. Nur leider wird der zweite Teil des Satzes oft nur beiläufig wahrgenommen. Dass wir unseren Nächsten lieben können, setzt bereits voraus, dass wir uns selbst lieben. Wir sollen ihn nicht an unserer statt lieben, sondern wie uns selbst. Wenn wir uns selbst nicht lieben können, wird es auch kein anderer tun. Wir selbst kennen uns am besten, unsere Ängste, Schwächen, Stärken und Träume. Um uns selbst zu lieben, müssen wir uns akzeptieren und respektieren. Das ist manchmal gar nicht so einfach, wenn wir bedenken, dass wir mit unseren Freunden niemals so sprechen würden, wie manchmal mit uns selbst.

Auch wenn wir glauben, dass es niemand mitbekommt, so strahlen wir doch sehr viel von dem aus, was wir über uns selbst denken und glauben. Jemand der sich selbst liebt und respektiert, wird sich auch nicht von einem toxischen Partner schlecht behandeln und weniger manipulieren lassen. Das lässt er einfach nicht zu, weil es seinen tiefen Überzeugungen zuwider ist. Sind wir jedoch schwach, ist es weitaus wahrscheinlicher, dass wir uns in toxische Teufelskreise verwickeln.

All das muss erlernt werden, bevor wir uns Hals über Kopf in neue und andere Beziehungen stürzen. Nur so können wir lernen, glückliche und gesunde Beziehungen zu führen, die uns guttun, die erfüllt sind von Liebe und Verständnis und die uns den Halt geben, den wir brauchen.