Sex, Religion und Politik – Die rote Linie in Jordanien

Geschrieben am 19.01.2023
von Alexia Lautenschläger

Blutige Proteste gegen die Preissteigerungen in Jordanien haben eine landesweite TikTok-Sperre zur Folge. Das Königreich versucht sich mit Propagandaplakaten als stabiles, widerstandsfähiges Land zu inszenieren. Ein Bericht über den Umgang mit Kritik und die Rolle der Politik in Jordanien.

Das Taxi hetzt eilig die Straße entlang und windet sich durch jede noch so enge Lücke. Die Ampel springt auf Rot und wir bremsen ab. Zwei kleine Jungs – beide um die 8 Jahre alt – kommen vom Straßenrand heran ans Auto. Sie klopfen an die Scheiben und betteln um Geld. Ihre Kleidung ist zerrupft, die schwarzen Adiletten des einen Jungen sind sichtlich abgetragen. Der Taxifahrer ignoriert sie. Die Jungen mit ihren großen braunen Augen, den langen schwarzen Wimpern und ihren zierlich-kindlichen Stimmen lassen sich jedoch nicht so schnell abwimmeln.

„Sind sie vielleicht Brüder? Oder einfach Freunde?“ geht mir durch den Kopf. Die Ampel leuchtet grün auf und die nebenstehenden Autos rasen los. Die Jungen geben aber noch nicht auf, stellen sich demonstrativ vor die Frontschürze des Autos und halten das Taxi auf. Aber ihre Bemühungen bleiben erfolglos.

Ein Land in der Krise

Jordanien ist hochverschuldet und die Coronakrise, der Ukraine-Krieg und die daraus folgende Energiekrise haben dem Land schwer zugesetzt. Das bekommen die Menschen beim Einkaufen oder Tanken zu spüren. Der Dieselpreis liegt momentan bei 0,805 Jordanischen Dinar (JD), also 1,06 Euro.

Das mag aus deutscher Perspektive nicht viel klingen, allerdings liegt das monatliche Durchschnittsgehalt in Jordanien bei ca. 425 JD, sprich ungefähr 558 Euro. Angesichts dessen, dass die Menschen aufs Auto angewiesen sind, ist die Lage besonders verheerend. In der Hauptstadt Amman gibt es kaum Fußgängerwege oder öffentliche Verkehrsmittel. Fortbewegung ohne Auto ist quasi nicht möglich.

Das Regime greift durch

In der zweiten und dritten Dezemberwoche 2022 kam es deswegen im Land zu blutigen Aufständen gegen die zu hohen Benzinpreisen und Lebensunterhaltungskosten. Der Protest in der Stadt Ma’an ist dabei besonders ausgeartet: Ein Polizist wurde erschossen und mehrere weitere verletzt.

Einige Tage später sind bei einer Hausdurchsuchung des mutmaßlichen Täters, der ein Anhänger der extremistischen Takfir-Ideologie ist, drei weitere Polizisten umgekommen. Ob die Morde überhaupt im Zusammenhang mit der Protestbewegung stehen, ist noch zu klären.    

Es kursierten Videos der Demonstrationen, besonders auf der Social-Media-Plattform TikTok. Dies zog schwere Konsequenzen nach sich: TikTok wurde landesweit gesperrt – angeblich wegen der Verbreitung von Falschinformationen. Beim Starten der App sieht man nichts weiter als einen schwarzen Ladebildschirm.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein soziales Netzwerk in Jordanien vom Regime gesperrt wurde. Das erzählt mir eine befreundete Jordanierin im Uni-Bus. Sie nimmt die Sperre gelassen hin – benutzt selbst eh kein TikTok.

Erst wenn sich die Lage im Land wieder beruhigt hat, wird das Netzwerk freigegeben – so lief es zumindest immer ab. Ihre Stimme wird leiser, sie beugt sich zu mir nach vorne und flüstert mir ins Ohr, dass man aufpassen sollte, etwas Schlechtes über den König zu sagen. Sie schaut sich nervös im Bus um und meint, man wisse ja nicht, wer sonst noch zuhört.

Seit den Protesten gibt es eine verstärkte militärische Präsenz in Amman: Duzende bewaffnete Soldaten sind auf den Straßen unterwegs. Propagandaplakate wurden in der ganzen Stadt aufgehängt, die den König stolz posierend in militärischer Uniform zeigen. „Hinter der haschemitischen Führung und des Heimatlandes“ heißt es auf einen der Plakate.

Plakat des jordanischen Königreichs mit Schriftzug: „Hinter der haschemitischen Führung und des Heimatlandes“, rechts König Abdullah

Verehrung von Saddam Hussein

Auto mit schwarz-weißem Portrait von Saddam Hussein

Demonstrationen finden selten statt in Jordanien. Besonders Amman bietet kaum breite öffentliche Plätze, auf denen man sich versammeln kann. Das gibt die hügelige Landschaft der Stadt nicht her – und sind wahrscheinlich vom System auch nicht gewollt. Persönliche politische Statements sind rar im Stadtbild. Nur eines springt immer wieder ins Auge: das Porträt von Saddam Hussein. Ob als Autosticker, Schlüsselanhänger oder Handyhülle – das Gesicht vom ehemaligen irakischen Diktator findet man fast überall, vor allem an Autos. Er wird für seine Ablehnung gegen Israel und für seine Unterstützung palästinensischer Aufstände verehrt.

Schwule Männer in Amman?

Einen öffentlichen politischen Diskurs scheint es aber nicht zu geben – besonders nicht über sensible Themen wie den Konflikt zwischen Israel und Palästina oder über andere aktuelle Geschehnisse wie den Protesten im Iran oder dem Fußball-WM-Boykott. Die Meinungsfreiheit in Jordanien ist eingeschränkt. Politik, Religion und Sex gelten als rote Linien. So ist auch romantische Zuneigung zwischen Paaren, wie Küsse oder Händchen halten, auf öffentlicher Straße tabuisiert. Zum eigenen Erstaunen sah ich in Downtown Amman viele Männer, die Hand in Hand durch die Stadt liefen. Mein erster naiver Gedanke: „Mutig von den schwulen Männern!“. Homosexualität ist in Jordanien zwar nicht verboten, allerdings ein gesellschaftliches Tabu. Doch Umarmungen, Küsse oder Händchen halten sind zwischen Männern ganz normal und kein Zeichen von Homosexualität, sondern Ausdruck einer innigen Freundschaft.

Protest in der Kunst

Gesellschaftskritik findet sonst in der Kunst ihren Ausdruck: Ob Musik, Poesie oder Graffiti – Themen wie Emanzipation, Armut oder auch Umweltprobleme werden kunstvoll und subtil ins Stadtbild integriert und spiegeln so die öffentliche Meinung wider.

Öl auf Leinwand in der Jordan National Gallery of Fine Arts, Amman

Doch seine eigene Persönlichkeit frei zu entfalten und sich bedenkenlos politisch zu äußern, bleibt noch eine Zukunftsvision in Jordanien. Zwar gehört es zu den am meisten entwickelten arabischen Ländern, doch ist die Meinungsfreiheit in ihren Schranken gewiesen. Besonders bitter ist es für die junge Generation, die mit Social-Media aufgewachsen ist. Denn sie wissen aus dem amerikanisch-europäischen Raum, wie ein Leben ohne Unterdrückung aussehen kann.