Ein bisschen Frieden aus christlicher Perspektive

Geschrieben am 19.01.2023
von Lars Schäfers

Die weltweite Sehnsucht nach Frieden wächst nach diesem Krisen- und Kriegsjahr 2022. „Ein bisschen Frieden“ ist auch nach christlichem Glauben ein hoher Wert. Ein kleines Portrait christlicher Friedensethik in Zeiten des Ukrainekriegs.

Vor 40 Jahren hat Nicole sich „ein bisschen Frieden“ gewünscht. 17-jährig gewann sie mit diesem Lied damals als erste Deutsche den Eurovision Songcontest. Das Jahr 2022 gab der gläubigen Katholikin allen Anlass, ihren Friedenswunsch mit Blick auf den schrecklichen Krieg in der Ukraine in einer Jubiläumsversion ihres Songs erneut erklingen zu lassen, wie sie im Interview mit der AdventsZeit erzählt. Und in der Tat ist für Christinnen und Christen das Engagement für den Frieden unverzichtbar, speist es sich doch aus dem Herzen des Evangeliums vom Friedensfürsten Jesus Christus.

Lange war die christliche Friedensethik allerdings auch davon ausgegangen, dass es so etwas wie einen „gerechten Krieg“ gäbe. Das aber stand seit jeher in Spannung zur biblischen Friedensvision von den Schwertern, die zu Pflugscharen umgeschmiedet werden bis hin zum „Selig sind, die Frieden stiften“ Jesu Christi. Auch Papst Franziskus sieht das so – das friedensethische Kapitel seiner jüngsten Sozialenzyklika Fratelli tutti ist eine echte Perle. Hier schreibt er in der Tradition katholischer Soziallehre die erneuerte Friedensethik seit der Enzyklika Pacem in terris von Papst Johannes XXIII. von 1963 pointiert fort, die damals vor dem Horizont der Schrecken der Weltkriege und angesichts der realen Gefahr atomarer Totalvernichtung während des Kalten Krieges veröffentlicht wurde, der auch der zeitgeschichtliche Hintergrund des Liedes von Nicole war.

Der Papst weiß, dass der Weg zum Frieden unter Menschen und Staaten immer ein Prozess bleibt, dass am Frieden immer und überall gebaut werden muss: „Es gibt eine ,Architektur‘ des Friedens, zu der die verschiedenen Institutionen der Gesellschaft je nach eigener Kompetenz beitragen; doch es gibt auch ein ,Handwerk‘ des Friedens, das uns alle einbezieht“ (Fratelli tutti Nr. 231). Der Friedensbau wird jedoch immer wieder einstürzen ohne „Gerechtigkeit“ und „Versöhnung“ als seine tragenden Säulen. Besonders Kriegals die inhumanste und zerstörerischste Form der Gewalt wird von vielen Christinnen und Christen daher zu Recht abgelehnt.

Einzig im Fall eines Angriffskrieges haben die angegriffenen Staaten jedoch das Recht und die Pflicht, ihre Verteidigung auch mit Waffengewalt durchzuführen, wenn dies unvermeidbar sein sollte, wie im Fall der Ukraine. Kurzum gilt aus christlicher Sicht ansonsten, dass Krieg nie ein geeignetes Mittel zur Wiederherstellung der Gerechtigkeit, sondern eine Geißel der Menschheit ist: „Nichts ist verloren mit einem Frieden, aber alles kann es sein mit einem Kriege“, sagte Papst Pius XII. in seiner Rundfunkbotschaft von 24. August 1939 in geradezu prophetischer Weise angesichts des nur kurze Zeit später anbrechenden entsetzlichsten Krieges der Menschheitsgeschichte.

Die Notwendigkeit von Verteidigung rechtfertigt auch die Existenz von Streitkräften und Waffen für den Dienst am Frieden. Ethische Überlegungen stiften zwar Orientierung, liefern aber keine politisch umsetzbaren Lösungen für konkrete Probleme und Sachfragen. Die Lehre vom „gerechten Krieg“ hat vielleicht ausgedient, nicht aber die mit ihr verbundene Suche nach Kriterien, unter welchen Umständen und in welcher Weise es definitiv nicht ohne Gewalt geht. Solange der Mensch zu Sünde und zum Bösen neigt, bleibt es bei dieser Spannung, die auch christliche Friedensethik aushalten und nüchtern reflektieren muss.

Der „Friede Christi“ (vgl. Kol 3,15) ist nunmal „nicht von dieser Welt“ (Joh 18,36). Papst Franziskus aber stellt in Fratelli tutti klar, dass Christinnen und Christen auf Erden solange ehrgeizige Friedensarchitekten mit den bevorzugten Werkzeugen der Politik und des Rechts bleiben müssen, bis der Bau eines gerechten Friedens als immerwährender Frieden spätestens in der kommenden Welt festzementiert wird. Bis dahin aber gibt es auf Erden immer nur „ein bisschen Frieden“. Diesen aber kann man den Menschen in der Ukraine nach diesem für sie so schrecklichen Kriegsjahr 2022 nur von Herzen wünschen.