10 Scheinargumente, die jeder erkennen sollte

Geschrieben am 21.03.2022
von Ramon Rodriguez

Egal, ob im Internet oder im Alltag: Immer wieder werden wir spontan in Diskussionen verwickelt, bei denen sich die Situation oft rasch aufheizt und sich das Gespräch in einen hitzigen Streit verwandelt. Wie können wir Scheinargumente dennoch als solche entlarven?

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Nicht nur spontan im Alltag, auch und vor allem in sozialen Medien werden wir immer wieder Zeuge oder Teilnehmer von hitzigen Diskussionen. Dabei eskalieren viele Diskussionen häufig aus einem einzigen Grund: Es werden keine Argumente ausgetauscht, sondern feststehende Meinungen, welche nur scheinbar argumentativ untermauert sind. Die „Top 10“ der nervigsten Scheinargumente sind hier aufgelistet. Denn: Wenn man sie erkennt, sind sie eigentlich ganz einfach zu entkräften.

Platz 10: Argumentum ad hominem – das Argument auf die Person

Gerade in sozialen Netzwerken, aber leider auch im „real life“, erfreut sich das Argument „ad hominem“, also ein Argument gegen die Person selbst, großer Beliebtheit. Vermeintliche Schwächen des Gegenübers werden ins Spiel gebracht, um dessen Standpunkt und Meinung zu delegitimieren.

Ein Beispiel: „Du bist doch schon zweimal durch die Mathe-Klausur gefallen, woher willst Du wissen, ob unser Bildungssystem verbesserungswürdig ist!?“

Aber: Argumente an sich müssen auf ihre Tauglichkeit geprüft werden, nicht das Privatleben des Argumentierenden.

Platz 9: Argumentum ad verecundiam – das Argument der Autorität

Immer öfter mischen sich Personen des öffentlichen Lebens in Diskussionen ein, die zwar keine Experten auf dem Gebiet ihres Interesses sind, aber aufgrund ihrer Reichweite als Autorität wahrgenommen werden (Mit „Autoritäten“ ist hier gemeint, dass die Meinungen derjenigen Personen eine besondere Gewichtung haben, nicht, dass sie tatsächlich Macht ausüben.). Vertritt nun eine Person, die als Autorität wahrgenommen wird, denselben Standpunkt wie man selbst, wird dies häufig als Argument verwendet.

Ein Beispiel: „Halle Berry hat Obama unterstützt, genauso wie George Clooney. Dies zeigt, dass Obama die bessere Wahl war!“

Aber: Wenn eine Person des öffentlichen Lebens dieselbe Meinung vertritt wie man selbst, dann ist dies zwar erfreulich, aber kein Argument.

Platz 8: Argumentum ad ignorantiam – das Argument der Ignoranz

Beliebt ist bei Diskussionen häufig auch ein „Rollentausch in der Beweispflicht“. Das heißt, man beginnt den Versuch, dass man nicht mehr selbst seine eigene These belegen muss, sondern vom Gegenüber verlangt, dass er sie widerlegt. Das Argument der Ignoranz versucht, die Thesen zu stützen, da sie nicht widerlegbar sind. Doch dies ist kein Beweis für die Richtigkeit des Arguments.

Ein Beispiel: „Keiner konnte bis jetzt beweisen, dass Feen und Elfen nicht existieren. Dies spricht für ihre Existenz!“

Aber: Immer derjenige, der eine These aufstellt, muss diese beweisen und nicht derjenige, der sie anzweifelt.

Platz 7: Fallacia compositionis – das Kompositionsargument

Von Einzelereignissen auf generelle Sachverhalte zu schließen, passiert gerade bei Diskussionen etwa über Straftaten häufig. Man versucht am Verhalten Einzelner das Verhalten ganzer Gruppen zu bestimmen. Doch dies ist ein Trugschluss.

Ein Beispiel: „Alle Politiker sind doch korrupt! Man siehe nur auf den Bürgermeister von Regensburg, welcher wegen Korruptionsverdacht in U-Haft sitzt!“

Aber: Das Verhalten eines Einzelnen ist nicht automatisch repräsentativ für die Gruppe, der er angehört.

Platz 6: Argumentum ad antiquitatem – das Argument der Tradition

Das was früher einmal war, mag als Quelle der Erfahrung für uns und unsere Meinungen extrem hilfreich sein. Die Grundlage für ein solides Argument bildet die Tatsache, dass etwas früher so war, jedoch nicht per se. Doch häufig wird so argumentiert.

Ein Beispiel: „Früher ging man auch nicht gleich zum Arzt, wenn man krank war, und die Leute sind trotzdem nicht gestorben!“

Aber: Der Verweis auf das Früher zeigt lediglich, was der Fall war, aber noch nicht, ob es richtig oder falsch ist bzw. ob man es nicht besser oder schlechter machen könnte.

Platz 5: Argumentum ad novitatem – das Innovationsargument

So wenig wie alleine der Verweis auf das Frühere als Argument taugt, so wenig tut es der Verweis auf Neuheit. Doch genau dies verwenden besonders „smarte“ Zeitgenossen in Diskussionen oft als Argument, um ihre Ansichten zu begründen.

Ein Beispiel: „Die neusten Theorien gehen von einem Multiversum aus, das klassische Bild von unserem Universum ist hingegen alt und daher falsch!“

Aber: „Neuer“ ist nicht gleichbedeutend mit „richtiger“. Neues muss genau wie Altes auf seine Richtigkeit überprüft werden und löst das Alte nicht automatisch ab.

Platz 4: Circulus vitiosus – das Zirkelschlussargument

Häufig werden Meinungen über Umwege durch sich selbst begründet. Man argumentiert für eine Meinung durch ein Argument, welches seine ursprüngliche Berechtigung aber in genau jenem ersten Argument hat.

Ein Beispiel: Thomas: „Das ist mein Stammplatz!“ Susi: „Warum?“  Thomas: „Weil auf diesem Stuhl nur ich sitzen darf!“ Susi: „Aber warum?“ Thomas: „Weil das mein Stammplatz ist!“

Aber: Meinungen können sich nie selbst begründen, es muss immer weitere Argumente geben, die dafür bzw. dagegen sprechen.

Platz 3: Argumentum ad nauseam – das Argument der penetranten Wiederholung

Im Internet sind sie bekannt als „Trolle“, im echten Leben werden sie einfach als „Nervensägen“ bezeichnet: Leute, die einfach immer und immer wieder genau das Gleiche und lediglich in anderen Worten sagen. Aber sie argumentieren nicht wirklich. Häufig gibt das Gegenüber bei solchen Argumentationsweisen einfach nach, nicht weil es überzeugt ist, sondern weil es im wahrsten Sinne des Wortes über-redet wurde.

Ein Beispiel: Thomas: „Clint Eastwood ist der beste Schauspieler!“ Susi: „Ich finde Brad Pitt besser!“ Thomas: „Aber Eastwood kann am besten schauspielern. Außerdem sind seine schauspielerischen Fähigkeiten am besten. Zudem gibt es keinen, der so gut ist wie er!“

Aber: Seine Behauptung so oft wie möglich in verschiedenen Worten zu wiederholen, ist kein Argument; sondern einfach nur nervig.

Platz 2: Straw man fallacy – das Strohmann-Argument

In Diskussionen einen kühlen Kopf zu bewahren, ist das A und O. Dies fällt aber besonders schwer, wenn das Gegenüber einem Standpunkte unterstellt, die man gar nicht vertritt. Doch genau so funktioniert das Strohmann-Argument: Man interpretiert das Argument des Gegenübers völlig falsch und zieht aus dem gegnerischen Argument absichtlich falsche Schlussfolgerungen. Diese verzerrten Standpunkte werden dann angegriffen und entkräftet, obwohl man sie ja gar nicht vertritt.

Ein Beispiel: „Wenn Du sagst, man soll nur regionale Produkte kaufen, dann willst Du also, dass ausländische Firmen keinen Gewinn machen. Ausländische Firmen haben aber auch das Recht, Gewinn zu machen. Deine Forderung ist also falsch!“

Aber: Nicht das, was man in Argumenten hineininterpretiert, muss in Diskussionen entkräftet werden, sondern das, was das Argument wirklich aussagt.

Platz 1: Whataboutism – das Argument des Vergleichs

Auf Platz 1 der Scheinargumente ist der „Whataboutism“. Seinen Ursprung hat dieses Scheinargument in der Propagandataktik der Sowjetunion, doch längst hielt diese Methode auch Einzug in alltägliche Diskussionen. Das Argument verläuft wie folgt: Prangert man ein Fehlverhalten von jemanden an, wird dieses relativiert, indem man es in Relation zu jemanden setzt, der augenscheinlich ein noch größeres Fehlverhalten begangen hat.

Ein Beispiel: Weist man beispielsweise auf die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland hin, kommt bei Diskussionen schnell der Verweis auf angebliche Verbrechen anderer Regierungen, welche ja noch schlimmer gewesen seien.

Aber: Dadurch, dass jemand anderes vermeintlich noch schlimmer handelt, wird die Handlung von der kritisierten Person nicht legitimer.