Das bedingungslose Grundeinkommen – eine Frage des Menschenbildes

Geschrieben am 12.04.2022
von Hannes Rolfs

Die Finnen haben es getestet, eine Lotterie verlost es und in der Schweiz wurde sogar über eine Einführung abgestimmt – das bedingungslose Grundeinkommen ist in aller Munde! Dabei ist die Finanzierungsfrage nicht unser größtes Problem. Es geht vielmehr darum, an welches Menschenbild wir glauben. Ein Kommentar.

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Schon seit einigen Jahren diskutieren wir in ganz Europa über das bedingungslose Grundeinkommen (kurz: BGE). Vor ein paar Jahren hat die spanische Regierung zwar ein Grundeinkommen eingeführt, doch sie koppelt es weiter an Bedingungen. Dabei ist es eigentlich an der Zeit für ein echtes BGE!

Warum das BGE notwendig ist

Die fortschreitende Digitalisierung bedroht vor allem in der westlichen Welt immer mehr Berufe. Bus- und Taxifahrer könnten schon bald aufgrund des autonomen Fahrens überflüssig werden. Industrielle Fertigungsprozesse sind bereits weitreichend automatisiert und so werden auf kurz oder lang auch die letzten Bandarbeiter verschwinden. Das Online-Banking bedroht zudem Berufe im Bankwesen und den Urlaub bucht sowieso jeder im Internet selbst, anstatt in ein Reisebüro zu gehen. Droht uns also bald eine Massenarbeitslosigkeit?

Gegner dieser Ansicht argumentieren, die Digitalisierung schaffe genügend neue Berufe. Doch seien wir ehrlich: Wird ein Busfahrer auf einmal Robotik-Ingenieur? Oder schult die Tourismuskauffrau auf Virtual Reality Design um? Hier bahnt sich vielmehr ein Fachkräftemangel an. Doch gerade Menschen im fortgeschrittenen Alter werden noch vor Erreichen ihrer ohnehin schon unsicheren Rente unweigerlich arbeitslos werden. Der Staat hat damit die Aufgabe seine Bürger finanziell abzusichern. Ist doch klasse, dass es bei uns Hartz IV gibt – oder etwa nicht?

Gesellschaftliche Stigmatisierung von Arbeitslosen

Abgesehen davon, dass der Hartz-IV-Regelsatz recht gering ausfällt, führt das Abrutschen in Hartz IV oder die Arbeitslosigkeit ganz allgemein in unserer Gesellschaft zu einer Stigmatisierung. Wenn von Arbeitslosen oder Hartz IV die Rede ist, denken viele sofort an Menschen, die nachmittags auf diversen Privatsendern zur Schau gestellt werden. Arbeitslosigkeit ist gerade in Deutschland verpönt und stark negativ konnotiert.

Würde nun aber jeder das gleiche bedingungslose Grundeinkommen erhalten, nähme auch die Stigmatisierung der Arbeitslosigkeit ab. Denn dieses Geld bekämen sowohl die 136 in Deutschland lebenden Milliardäre[1] als auch der Ärmste unter den Armen. Da dieses Einkommen steuerfrei und bedingungslos ist, kann sich, wer Arbeit hat, weiterhin etwas dazuverdienen. Aber bei einem ausreichend hohen BGE muss niemand mehr einen Job annehmen, der ihm eigentlich gar nicht gefällt. Keiner fährt mehr morgens mit Bauchschmerzen zur Arbeit. Das BGE als menschenwürdige Absicherung ermöglicht jedem, den Beruf zu wählen, der ihm Freude bereitet. Und dies muss auch so sein, denn die freie Berufswahl ist nach Artikel 12 unserer Verfassung ein Grundrecht!

Da das bedingungslose Grundeinkommen jeder erhält, werden Grundsicherung, Hartz IV und Arbeitslosengeld überhaupt obsolet. Selbst Rentner würden weiterhin BGE beziehen. Somit fällt für den Staat ein großer bürokratischer Aufwand weg. Es müssen keine Anträge mehr geprüft und Bezüge berechnet werden. Durch das BGE ist sowieso jeder abgesichert. Das durch den Wegfall der Sozialleistungen eingesparte Geld kann zu einer teilweisen Finanzierung des Grundeinkommens beitragen.

Traumjob Kanalreiniger – was wird aus unbeliebten Jobs?

Tatsächlich gibt es Berufe, die nicht wirklich beliebt sind, aber nicht automatisiert werden können beziehungsweise sollten. Gerade das Pflegepersonal würde sich bei der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens wahrscheinlich zweimal überlegen, ob es seinen körperlich harten Job für das derzeitige geringe Gehalt weiterhin macht oder für ungefähr das gleiche Geld zuhause bleibt. Dennoch möchte wohl niemand, dass die eigenen Eltern im Altenheim von einem Pflegeroboter versorgt werden, was in Japan bereits teilweise Realität ist.

Da es Berufe gibt, für die zwischenmenschliche Interaktion unerlässlich ist, müssen diese Arbeiten in Zukunft besser oder sogar überdurchschnittlich gut bezahlt werden. Verdient haben vor allem die Pflegerinnen und Pfleger es sowieso absolut. Ähnliches wird auch in unbeliebten Tätigkeiten wie der Müll- oder Abwasserentsorgung der Fall sein. Wahrscheinlich wird auch das echte Handwerk höher geschätzt werden. Es macht einen Unterschied, ob ich ein Regal aus Pressspan bei Ikea kaufe oder meine Bücher in eine in Handarbeit gefertigte Etagere aus dunkler Eiche stelle.

„Warum soll jemand für’s Nichtstun bezahlt werden?“

In der Schweiz war es im Sommer 2016 endlich so weit: Es kam zu einer Volksabstimmung über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Das Ergebnis fiel deutlich aus – zu Ungunsten des BGE. Eine überwältigende Mehrheit von knapp 77% stimmte gegen eine Einführung.[2] Doch woher rührt diese Ablehnung des BGE in der Bevölkerung?

Im deutschsprachigen Raum stellt man in der Diskussion um das BGE fast reflexartig zwei Fragen: „Wer soll das bezahlen?“ und „Warum soll jemand für’s Nichtstun bezahlt werden?“. Die Finanzierungsfrage ist durchaus berechtigt. Allerdings könnte eine umfassende Finanztransaktionssteuer hier Abhilfe schaffen. Die zweite Frage ist viel interessanter, denn sie impliziert ein gewisses Menschenbild. Wenn man fragt, warum jemand für’s Nichtstun bezahlt werden solle, geht man davon aus, dass erstens nur Lohnarbeit echte Arbeit ist und zweitens jemand der ein BGE bekommt, aufhört zu arbeiten.

Hier plädiere ich eindeutig für ein positiveres Menschenbild. Vielleicht wird der eine oder andere die Sicherheit des BGE nutzen, um sich voll und ganz einem Ehrenamt zu widmen. Die Vereine in Deutschland suchen händeringend nach solchen Menschen. Vordenker mit guten Ideen können diese verwirklichen und beispielsweise Start-ups gründen. Insgesamt wird der Weg in die Selbstständigkeit mit einem geringeren Risiko verbunden sein. In Anbetracht der Tatsache, dass der klassische Arbeiter ausstirbt, wird Selbstständigkeit in Zukunft keine Seltenheit mehr in der Arbeitswelt darstellen.

Der Mensch ist ein kreatives Wesen, das Freude daran hat, seine Umwelt zu gestalten. Das hat die Geschichte deutlich gezeigt. Ein BGE wird dem keinen Abbruch tun, sondern ganz im Gegenteil den Menschen völlig neue Entfaltungsmöglichkeiten eröffnen. Geben wir ihnen die Chance – am besten jetzt!

Einzelnachweise

1. Forbes: Billionaires 2021.

2. Schweizer Bundeskanzlei: Vorlage Nr. 601, Resultate in den Kantonen.