Ungeimpft: “Kein Zutritt, kein Hybrid, keine Folien”

Geschrieben am 13.12.2021
von Valentin Schlott

Ungeimpft an einer deutscher Hochschule: Michaels Ausschluss vom Vorlesungsbetrieb zeigt, dass Corona-Maßnahmen auch zu weit gehen können. Eine polarisierende Sicht auf Corona und ein entsprechend polarisierendes Handeln hilft niemandem, sondern hinterlässt nur Verletzungen. Ein Kommentar von Valentin Schlott.

Skandal an deutscher Hochschule: Michaels* Ausschluss vom Vorlesungsbetrieb zeigt, dass Corona-Maßnahmen auch zu weit gehen können. Eine polarisierende Sicht auf Corona und ein entsprechend polarisierendes Handeln hilft niemandem, sondern hinterlässt nur Verletzungen. Ein Kommentar von Valentin Schlott.

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Gefährliche Karikatur

Ich verstehe Impf-Gegner. Oder vielleicht eher: Ich verstehe einige der Argumente von Menschen, die sich gegen das Impfen entschieden haben. Ich verstehe auch Impf-Befürworter. Oder eher: Ich verstehe zahlreiche Argumente von Menschen, die sich für das Impfen entschieden haben. Die stumpfe, alles- und nichtssagende Karikatur des impfwütigen Staates, der in ein globales Verschwörungs-Netzwerk eingebettet sei, ist genauso irreführend wie die Karikatur des coronaleugnerischen Querulanten, dem es nur um sein absolut gesetztes Freiheitsrecht gehe.

Gefährlich ist das: Das Bild, das die Welt an ihren Polen festhält und suggeriert „Das ist die Welt“. Gefährlich das Bild, das überzeichnet und nicht nachzuzeichnen versucht. Karikaturen entbehren nicht jeglicher Grundlage. Aber Karikaturen sind stilistisch überhöht. Und wir müssen uns davor hüten, diese Überhöhung auf unsere eigene Wahrnehmung und unser eigenes Handeln zu übertragen. Karikaturen sollen einfangen und auf den Punkt bringen, aber sie sollen nicht befangen machen und den vermeintlich einzigen Standpunkt definieren. Wir erleben gerade viele Extreme. Diese sollten für uns Anlass zu Besonnenheit und Weisheit sein, nicht zu Reaktionismus und Opportunismus. Sind wir uns da einig? Ich weiß es nicht, wie folgender Fall zeigt :

„Welche Optionen bleiben mir?“

Es wird Abend. Es ist der 1. Dezember 2021. Die Rollläden halten längst Dunkelheit und Kälte draußen. Das Bett ruft. Ein letzter Blick aufs Handy und… ein Freund schreibt: „Kein Zutritt, kein Hybrid, keine Folien.“ Als Ungeimpfter darf er nach der aktuellen 2G-Verordnung nicht mehr zur Vorlesung kommen – allein darüber ließe sich kontrovers streiten. Dass nun innerhalb der Institutssitzung allerdings beschlossen wurde, das Vorlesungsmaterial für die Ungeimpften weder als Folien zur Nacharbeit bereitzustellen, geschweige denn hybrid zu übertragen, ist nichts anderes als blanke Ausgrenzung. Ein Skandal! „Welche Optionen bleiben mir?“, reflektiert Michael. Um sein Recht kämpfen, also mit dem Institut verhandeln, oder das Studium „hinschmeißen und abbrechen“?

„Habe ich das richtig verstanden?“, frage ich Michael, weil ich es nicht glauben kann. Nicht an jeder Hochschule ist es so, dass ungeimpfte Studenten auf derart unnötige Weise ausgegrenzt werden. Der Fall „Michael“ zeigt aber: Hier geht es nicht mehr nur um Schutz vor Corona – also den Schutz vor einer Krankheit, also den Schutz des Lebens, also den Schutz des Einzelnen, also den Schutz der Würde, also den Schutz des Menschen. Hier geht es – wie es anmutet – um das Durchsetzen des geimpften Menschen im Vorlesungssaal. Bestimmt hier der Impfstatus über die Daseinsberechtigung des Studenten? Bestimmt hier der Impfstatus über den Platz in der Vorlesung?

Indiskutabel!

Man mag darüber diskutieren, ob man als ungeimpfter Student von zu Hause aus oder getestet aus dem Hörsaal die Vorlesung mitverfolgen darf. Indiskutabel allerdings ist der prinzipielle Ausschluss von ungeimpften Studenten aus dem Vorlesungs- und Hochschulbetrieb. Das ist schlicht skandalös. Es darf keinen direkten oder indirekten Ausschluss ungeimpfter Studenten und Studentinnen aus dem Vorlesungs- und Hochschulbetrieb geben!

*pseudonymisiert