Stimmen aus der Ukraine: Perspektive Krieg

Geschrieben am 06.03.2022
von Bohdan Khalus

Orest ist Soldat in der ukrainischen Armee. Viele Menschen haben erschrocken auf den Kriegsausbruch reagiert, obwohl sich dieser, seiner Meinung nach, schon lange angebahnt hat. Ein Gespräch über die Chancen von Russland und der Ukraine im Krieg und Deutschlands Rolle in dieser Krisenzeit.

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Kommentar vorab: Dieses Interview wurde bereits vor dem Kriegsausbruch in der Ukraine geführt. Nun hören wir oft die erschrockene Frage, wie es denn so weit kommen konnte? Das habe doch keiner geahnt. Das Interview mit diesem Soldaten macht deutlich, dass sich dies leider doch schon lange angebahnt hat.

Anfang Februar hatte ich die Möglichkeit, mit einem ehemaligen ukrainischen Soldaten zu sprechen. Er war beim Ukrainisch-Russischen Krieg in der Donbas-Region von 2015-2020 dabei. Aus Sicherheitsgründen werde ich seine privaten Informationen nicht veröffentlichen, und nenne ihn fiktiv Orest. Im heutigen Interview geht es um die potenzielle Gefahr einer russischen Offensive, den Zustand der ukrainischen Armee, wie Ukrainer die deutsche Passivität in dieser Krise wahrnehmen und die Wahrscheinlichkeit eines echten Kriegs. Vorab: Es ist die private Meinung von einem von fast 500.000 ukrainischen Beteiligten an Kampfhandlungen.

Autor: In Deutschland haben viele Angst vor einem Krieg in der Ukraine. Seit 2015 so viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, ist die Angst vor mehr Instabilität in Europa jetzt groß. Wie siehst du das aus deiner Perspektive?

Orest: Ukrainische Soldaten sind oft sehr positiv gegenüber Deutschland eingestellt. Deshalb sind nun viele sehr enttäuscht, weil es keine klare Hilfe von Seiten der deutschen Regierung gibt. Sie sagen: ,,Wir geben euch keine Waffen, vergesst es. Wir können euch ein paar Helme geben und Feldspital. Na, und noch Biotoiletten.” (lacht) Wo ist das Deutschland mit den starken Männern, das ich aus den Büchern kenne?

Autor: Welche Chancen auf einen Angriff gibt es, deiner Meinung nach, jetzt schon?

Orest: Wenn man rational darüber nachdenkt, ist es ungünstig für alle Seiten. Alle werden verlieren. Wahrscheinlich wird es für die NATO ein bisschen besser, weil nicht nur die Vereinigten Staaten für die ganzen Waffen bezahlen werden, sondern auch andere Länder. Mit einer echten Gefahr und der wachsenden Angst unter den Leuten weltweit werden sie ihr Verteidigungsbudget vergrößern.

Ein Krieg, wie Russland ihn plant, ist auch wirtschaftlich schädigend. Alle werden dadurch verlieren, da die Wirtschaft auf allen Seiten einbrechen wird. Für Europa bringt es weitere Instabilität durch potenzielle Flüchtlinge aus der Ukraine (wir sind ein Land mit etwa 40 Millionen Einwohnern) mit sich. Die Ukraine ist außerdem ein wichtiger Getreideverkäufer. Und es wird sicherlich größere Sanktionen gegen Russland geben. Die USA droht damit, dass Russland keinen Dollar mehr nutzen darf. Die UK warnt die Russen, alle Kontos von Oligarchen zu blockieren (viele russische Oligarchen haben ihr Geld in Großbritannien).

Russland drückt jetzt und droht, damit der Westen alles erlaubt, was sie verlangen. Niemand erkennt die Krimbesatzung an. Es gibt immer noch viele Sanktionen und Handlungsprobleme, unter anderem wegen vielen Verboten für den Kauf von Technik.

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Autor: Was denkst du über einen offenen Krieg?

Orest: Na ja, wir haben wenig Chancen. Klar, direkt auf dem Land können wir noch was erreichen. Aber die Flugwaffen und Landraketen sind ein großer Vorteil der Russen. Schließlich haben sie viel mehr Flugzeuge, Hubschrauber und Raketenkomplexe als die Ukraine. Und unser Luftschutz ist schlecht entwickelt.

Allerdings wird es schwer für sie, die ukrainischen Städte zu erobern und zu behalten. Wir haben viele Waffen von den USA gegen Panzer bekommen. Wir erhalten jetzt auch ziemlich viele Waffen durch den Westen und es ist schon hilfreich, aber noch nicht genug für einen echten Krieg mit Russland. Denn die russische Armee ist eine der größten der Welt mit einem jährlichen Budget von ca. 70 Milliarden USD.

Autor: Also denkst du, wir werden definitiv verlieren?

Orest: Wir werden den Krieg im Kampf verlieren. Aber die Ukraine ist groß und es ist sehr schwer, alle eroberten Gebiete zu behalten. Sie können auch die georgische Variante nutzen (im August 2008 hat Russland Georgien angegriffen und kam fast bist zur georgischen Hauptstadt Tbilisi). Demnach werden sie nahe zur ukrainischen Hauptstadt Kyjiw kommen, wahrscheinlich auch die Vorstadt bombardieren und dann Frieden nach russischen Bedienungen erzwingen.

Autor: Ja, die Umsetzung der Minsker Vereinbarungen.

Orest: Vergiss es. Es werden viel schlimmere Bedienungen als in Minsk. Das wird schon ein echter ,,russki mir” (,,russischer Frieden”, eine Ideologie, wo alles nach dem Wille des Kremlin läuft). Also keine EU, keine NATO, wieder zurück in die UdSSR.

Autor: Welche anderen Szenarien könnten in solch einem Krieg stattfinden?

Orest: Es kann auch ein Landkanal zur Krim durch ukrainisches Land sein. Es ist nicht so schwer, wenn mehrere größere Schiffe im Asowschen Meer landen. Es gibt dort nicht so viele Großstädte. Nur Mariupol, eine Stadt mit 450.000 Einwohnern und Berdjansk mit 100.000 Einwohnern. Sonst gibt es wenige Orte unterwegs, also können sie schnell vorankommen.

Autor: Haben wir irgendwelche Vorteile gegenüber Russland?

Orest: Wahrscheinlich ist einer unserer größten Vorteile, dass wir verstehen, wie sie denken. Unsere Armeen sind aus der Sowjetischen Armee gewachsen. Wenn wir zum Beispiel mit der USA Krieg hätten, dann würden wir definitiv verlieren: Sie sind technologisch entwickelt. Aber gegen Russland zu kämpfen, die keine Ordnung in der Armee haben, ist viel einfacher.

Orest hat nun sein Kind in Sicherheit gebracht und geht als Soldat zurück in die umkämpften Gebiete. Wir hoffen, dass seine Prognosen über eine Niederlage der Ukraine sich nicht bewahrheiten und dass dieser Krieg keine weiteren Opfer fordert.