Von Juristin zur Bibelwissenschaftlerin: Was ist passiert? – Teil 6

Geschrieben am 28.10.2021
von Yvonne Dömling

Nina-Sophie Heereman sah zwei mögliche Zukunftswege vor sich: Anwältin zu werden und zu heiraten oder sich durch Jesus in ein neues Land führen zu lassen. Sie entschied sich letztendlich, dem Ruf Jesu zu folgen.

© Privat

Dr. Nina-Sophie Heereman wurde am 20. Juni 1972 als Nina-Sophie Freiin Heereman von Zuydtwyck in Bonn geboren. Zurzeit wohnt und lehrt sie in Menlo Park an der St. Patrick’s Seminary & University der Diözese San Francisco als Dozentin für „Heilige Schrift“.

Ihr Leben hat sie ganz und gar der Verbreitung des Evangeliums geweiht. Außerdem dreht sie regelmäßig Videos zu aktuellen und interessanten Glaubensthemen für ihren YouTube-Kanal „Mini Kat“.

In dieser achtteiligen Artikelreihe erzählt Dr. Heereman in einem Gespräch, welches am 26.06.2021 in Medjugorje geführt wurde, warum sie Bibelwissenschaftlerin geworden ist und welche Ereignisse in ihrem Leben dazu geführt haben.

Der Ruf Jesu

Im Rückblick erkannte ich, dass, seitdem ich Jesus zum Zentrum meines Lebens machte, sich all meine Wünsche, egal wie ausgefallen diese waren, innerhalb kürzester Zeit erfüllten. Jesus ist wie ein Bräutigam, der mir jeden Wunsch von den Lippen abliest. Ein irdischer Mann könnte dem nicht gerecht werden. Auf der einen Seite merkte ich nun deutlich, dass Jesus um meine Liebe warb, aber auf der anderen Seite erkannte ich, dass er mir totale Freiheit ließ. Das heißt: Wenn du diesen Mann heiraten willst, dann geh´ und heirate ihn. Wenn du Anwältin werden willst, dann geh´ und werde Anwältin. Ich gebe dir für alles meinen Segen. Aber ich mache dir noch ein Angebot: Wenn du möchtest, dann verlasse alles, was du hast und folge mir nach.

Zwei Türen

Ich sah vor meinen Augen zwei Türen: Die eine Tür war das Heiraten, Kinder bekommen und Anwältin werden. Die andere Tür war eine offene, hinter der sich eine grüne Wiese, ein großes Licht und ein Pfad verbarg, welcher in eine total ungewisse, aber helle Zukunft führte. Der Weg war ungewiss. Ich wusste nur, dass Jesus mich ein bisschen so wie Abraham einlud, mein jetziges Land aufzugeben, um in ein Neues zu ziehen. Ich hielt das anfangs nur für eine Metapher und glaubte nicht, dass er mich wirklich mal in ein anderes Land führen würde. Für mich konkret hieß die zweite Tür also: Verlass´ deine Familie und alles, was du hast und schenke dich mir ganz und gar hin.

Gottgeweihtes Leben und was es eigentlich ist

Als traditionelle Katholikin dachte ich mir also: „Aha, ich soll ins Kloster gehen“. Etwas Anderes kannte ich nämlich nicht. So ging ich, während der zweiten charismatischen Exerzitien, zu der Ordensschwester, die alles leitete, und sagte ihr: „Ich glaube, ich soll ins Koster gehen.“ Als Jugendliche habe ich immer geglaubt, dass Gott grausam ist, wenn er Priestern und Nonnen das Heiraten verbietet. Heiraten ist doch das Schönste und etwas Besseres gibt es doch gar nicht. Man kann doch nicht ohne Liebe leben.

Nun begriff ich erstens, dass jeder sich vollkommen frei entscheiden darf und Gott immer seinen Segen gibt. Und zweitens, dass das gottgeweihte Leben überhaupt nicht bedeutet, dass man auf Liebe verzichtet; aber statt eines irdischen Mannes ist Jesus der Bräutigam. Man entscheidet sich also für die endgültige Liebe, was keineswegs bedeutet, dass man ohne Liebe lebt. Man lebt für die Liebe. Außerdem handelt es sich um eine total konkrete Liebe, denn Jesus ist wirklich allgegenwärtig und obendrein in der Kommunion und Anbetung leiblich anwesend, wo man ihm jeden Tag begegnen kann und sogar eins wird mit ihm.

Wir sind nicht alleine

Jesus sagte nach der Auferstehung: „Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20) Wer also den Ruf hat, ehelos und zölibatär zu leben, ist nicht allein, sondern mit Jesus – und ER stellt sicher, dass jeder die Liebe bekommt, die er braucht. Mein Herz wurde plötzlich von dem falschen Gottesbild – dass Gott mich nicht glücklich sehen möchte –geheilt. Ich verstand, dass Jesus sagte: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh 10,10)

Er möchte wirklich, dass wir glücklich sind, und er ruft uns nicht in die Ehelosigkeit, um uns unglücklich zu machen. Er ruft uns, anstatt mit einem Ehemann oder einer Ehefrau eine intime Beziehung zu führen, eben mit ihm eine ganz intime Beziehung zu haben, die zwar nicht in der gleichen Weise die leibliche Liebe erfährt, aber trotzdem auch leiblich ist. Denn er schenkt sich uns ja in der Eucharistie hin und sättigt unser Herz.

Not der Zeit

So spürte ich deutlich, dass er mich einlädt, ein Leben der Heimatlosigkeit zu führen. Daraufhin habe ich mir mehrere Klöster angesehen, die mich aber alle nicht angesprochen haben; und zwar aus dem Grund, dass die meisten Klöster, die ich kannte, sich um Schulen, Kindergärten oder Krankenhäuser kümmerten, aber das war für mich nicht die Not der Zeit. Der Staat hat ja mittlerweile auch gute Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser.

Aber die Not der Zeit ist, dass niemand Jesus wirklich kennt. Und wenn man Jesus nicht kennt, dann helfen auch die besten Krankenhäuser nicht. Das, was uns wirklich fehlt, ist der Glaube. Ich wusste immer noch nicht, wozu mich Gott konkret ruft, aber mir war klar, dass die Not der Zeit die Glaubenslosigkeit ist. Ich fragte mich, wie ich nun meine Berufung als gottgeweihte Person leben und etwas gegen die Not der Zeit tun könnte?