Eine moderne Weihnachtsgeschichte

Geschrieben am 24.12.2021
von Jasmin Bauch

Zwischen positiven Corona-Tests, überfüllten 2-G-Plus-Pensionen und ausgelasteten Krankenhäusern erwarten Jonas und Marie ihr erstes Kind. Eine moderne Version der Weihnachtsgeschichte unserer Autorin Jasmin, die mitten im Neubaugebiet stattfindet.

Der Engel verkündet die frohe Botschaft zwischen Masken, Desinfektionsmitteln und Impfpässen. © f1rstlife / Jasmin Bauch

Jonas und Marie machten es sich gerade in ihrer Zweizimmer-Wohnung gemütlich. Während Marie die letzten Geschenke einpackte, fluchte Jonas noch immer: „Das darf doch alles nicht wahr sein! Noch immer fehlen Materialien. Irgendeine Baufirma muss doch Materialien hier, in Deutschland, lieferbereit haben. Wenn das so weitergeht, dann verbringen wir nicht nur Weihnachten bei meiner Mutter, sondern müssen auch mit unserem Sohn in dieser Wohnung leben!“

Marie, seine schwangere Frau, beruhigte ihn. Sie freute sich auf Weihnachten und sogar auf ihre Schwiegereltern. Denn ihre Eltern befanden sich wegen ihrer Corona-Infektion noch in Quarantäne. Sie war traurig darüber, dass sie nicht mit ihren Eltern Weihnachten feiern konnten. Jonas´ Eltern hingegen freuten sich schon, die „kleine Familie“ an Heiligabend zusammen zu haben.

Autofahrt mit Folgen

Am nächsten Mittag waren die Koffer und Geschenke gepackt und Jonas verlud sie ins Auto. Marie nahm auf dem Beifahrersitz Platz und schaute genervt auf das Navi, welches fünf Stunden Fahrt voraussagte… Doch was tut man nicht alles für das Weihnachtsfest? Eine Stunde fuhren sie nun schon auf dem nassen Schneematsch, weil es – wie gefühlt jedes Jahr – keine weiße Weihnacht gab, aber dafür graue und glatte Straßen. Plötzlich klingelte das Handy. Jonas´ Eltern riefen an. Das war kein gutes Zeichen… Seine Mutter war aufgelöst und erzählte irgendetwas von „Schnelltest“ und „positiv“. Dann war die Verbindung weg.

Jonas hielt auf dem Rastplatz an und war wieder außer sich: „Was sollen wir jetzt tun? Wenn sie positiv sind, dann können wir nicht bei ihnen unterkommen.“ Marie blieb ruhig und suchte nach Pensionen, die unter 2G-Plus noch Gäste aufnahmen und in der Nähe waren. „Marie, das will ich unserem Sohn nicht antun. Hast du mal die Bewertungen angeschaut? Diese drei haben nicht mal einen Stern. Die kannst du gleich streichen!“ So klapperten sie die letzten Pensionen der Liste ab.

Pensionssuche statt Weihnachten bei den Schwiegereltern

„Tut uns leid. Wir sind belegt. Die Internetseite habe ich seit Jahren nicht mehr aktualisiert.“

„Gerade hat bei uns noch jemand reserviert und die nehmen all-inklusive. Damit seid ihr raus.“

„Aber meine Frau, sie ist hochschwanger! Haben Sie nicht noch ein Zimmer für uns?“, Jonas wurde nicht erhört.

Marie war ganz erschöpft. Ihr ging es nicht mehr gut. „Ich halte nicht mehr lange durch. Ich glaube, das Kind kommt bald,“ verzweifelte Marie. Sie hielten an der ersten Pension, gingen zur Tür und lasen das große, rote Hinweisschild: „Achtung! Coronafall in unserer Pension. Wir bleiben bis auf Weiteres geschlossen!“ Na, toll…

Geburt mit Hindernissen

Marie rief ihn, ihr ging es nicht mehr gut. Die Wehen setzten ein. Auf ging die Fahrt ins Krankenhaus. Angekommen am Eingang wurde Jonas schon aufgehalten. Er hatte die Maske im Auto vergessen und der Sicherheitsbeamte bestätigte ihm, dass sie weiterfahren müssten, denn durch die Corona-Patienten sei alles belegt. Das nächste Krankenhaus sei nur eine Stunde entfernt. Jonas war am Boden zerstört, was eine andere Frau mitbekam. Sie bot ihm an, dass sie bei ihrer Wohnung neben dem Krankenhaus erstmal unterkommen könnten. In ihrem Schuppen stände noch ein altes Sofa und es wäre gerade noch genügend Platz da.

Jonas wich erst einmal zurück und lehnte ab, denn Marie brauchte doch sofort ein Arzt und müsste ins Krankenhaus. Marie erwiderte ihm: „Ich kann keine Stunde mehr irgendwohin fahren und…“, „Früher haben sie das auch ohne Ärzte hinbekommen“, unterbrach die Frau sie und stützte ihren Arm. Jonas gab ihr Recht und nahm das Angebot an. Unter beiden Armen gestützt, machten sie sich mit Marie auf den kurzen Weg zu der Wohnung. Die Frau schloss die Schuppentür auf und ein Hund sprang ihr entgegen. Sie schubste ihn zur Seite und räumte für ihre Gäste Sachen zusammen und brachte ihnen Decken. Am Fenster lagen zwei sehr neugierige Katzen in einem Körbchen. Marie legte sich sofort auf das Sofa. Jonas und die Frau versuchten, sie bei der Geburt zu unterstützen.

Unverhoffte Hilfe in der Not

An dem Schuppen liefen gerade Carl, Bianca und Melanie vorbei, die auf dem Weg zur Arbeit im Krankenhaus waren. Carl erblickte den hell erleuchteten Schuppen und hörte die Schreie einer Frau. „Hört ihr das auch?“ Alle drei waren sich einig und gingen vorsichtig zum Schuppen. „Wir haben die Schreie gehört, wir sind Hebammen. Können wir helfen?“

Die Frau antwortete: „Euch hat ein Engel geschickt! Ich habe hier eine hochschwangere Frau und wir benötigen dringend Hilfe!“ Keine Viertelstunde nach dem Dialog waren die Schreie der Mutter verstummt und die eines Babys zu hören. Die Frau brachte ein unbenutztes Körbchen von einer der Katzen, die nun auch um die glückliche Familie herumstreiften. Marie legte den kleinen Jeremiah in das Katzenkörbchen und Jonas umarmte sie überglücklich. Auch der Hund der Frau konnte sich das nicht entgehen lassen und drängte sich ebenfalls in den kleinen Schuppen.

Plötzlich klingelte es am Gartentor. Die Frau erschrak. Hatte sie doch niemanden nach dem „aktuellen Status“ gefragt und Haushalte waren sie auch zu viel! Mit Angst öffnete sie langsam die Tür. „Hallo, unser Sohn muss sich bei Ihnen befinden. Wir sind die Eltern von Jonas,“ sprachen die fremden Menschen vor der Tür. Jonas hatte alles mitgehört und ging ebenfalls zur Tür.

Heilige Nacht im Neubaugebiet

„Was macht ihr denn hier? Wie habt ihr uns gefunden? Warum seid ihr nicht in Quarantäne?“, fragte er sie. Die Frau ließ währenddessen die beiden in den Garten. „Nachdem die Verbindung am Telefon weg war, haben wir uns große Sorgen gemacht und die Stern-App aktiviert. Wir hatten Angst, euch wäre etwas zugestoßen. Doch irgendetwas hat uns die Furcht genommen und uns gesagt: Wir müssen euch suchen! Der Stern hat uns hierhin geführt und wir sind so froh, dass ihr und vor allem auch der Kleine wohlauf seid. Wir wollten am Telefon erzählen, dass unser Schnelltest diese Woche positiv war. Wir wollten euch nicht beunruhigen und hatten nichts gesagt. Heute kam das negative PCR-Test-Ergebnis vom Testen vor fünf Tagen. Deine Mutter wollte dir unbedingt die Nachricht noch überbringen, damit ihr euch an Weihnachten ganz sicher bei uns fühlt.“

Jonas nahm seinen Sohn und seine Frau in den Arm und das kleine Zimmerchen schien größer geworden zu sein und hatte auch für alle Platz. Dort fanden die Eltern sie beide, Marie und Jonas, dazu das Kind im Katzenkorb liegen. Die frischgebackenen Eltern fingen an, ihre Geschichte zu erzählen. Die Heilige Nacht brach ein und ein Stern leuchtete heute am hellsten über einem kleinen Schuppen in einem Neubaugebiet nahe einem Krankenhaus, wo versammelt waren: Marie und Jonas mit dem kleinen Jeremiah, die Eltern von Jonas und die Wohnungseigentümerin, die Hebammen Carl, Bianca und Melanie sowie ein treuer Hund und zwei neugierige Katzen.